Literatur und Sachbuch
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»Kurz und furchtbar« Peter Friesenhahn

 

Ego te absolvo

 

Meine Reise durch Bayern ging zu Ende. Es stand noch die Besichtigung der Wallfahrtskirche auf dem Programm. Die steile Treppe hoch zur Kirche bereitete mir einige Mühe. Die alten Stufen waren ausgetreten und mit meinem Gehstock blieb ich mehrmals in einer der breiten Fugen hängen. Das Innere der barock ausgestatteten Kirche war beeindruckend. Schwer atmend setzte ich mich in eine der hinteren Bänke und schaute nach vorne auf den dreiteiligen Hochaltar. Rechts und links in seinen Nischen mit viel Blattgold überzogene Heilige, in der Mitte der mit Edelsteinen besetzte Tabernakel und über allem, hoch unter der ausgemalten Kirchendecke, die Dreieinigkeit. Gottvater, natürlich mit Rauschebart und gut genährt, neben ihm sein Sohn, jung, asketisch, und über den beiden schwebte der Heilige Geist in Form einer Taube. Na ja schweben, die Taube hing an einem dünnen Seil von der Decke. Meine Kurzatmigkeit ließ langsam nach, ich wurde ruhiger und faltete fast automatisch die Hände. Was heißt falten, ich umfasste mit der linken Hand die drei verbliebenen Finger meiner rechten Hand und sah mir die imposante Kanzel an. Dabei erinnerte ich mich an die langen Sonntagspredigten, die unser Herr Pastor damals gehalten hatte. Wenn er sie mal kurz hielt, freute ich mich. Es war meistens dann, wenn er den Bauern von der Kanzel herab die Erlaubnis erteilte, wegen drohender Gewitter das Heu zu ernten.
Ich sah mich weiter um in diesem interessanten Gotteshaus. Die Kirchenbänke aus Eichenholz waren mit vielen handgeschnitzten Verzierungen versehen, die Beichtstühle waren außergewöhnlich aufwendig gestaltet. Violettes Tuch hing vor den Türöffnungen und ich erinnerte mich an meine letzte Beichte, die vor ungefähr siebzig Jahren stattgefunden haben musste. Nein, hatte sie eben nicht. Zwar wollte ich damals meine Sünden einem Geistlichen anvertrauen, brachte aber nicht den Mut auf, in den Beichtstuhl zu gehen, mich vor das hölzerne Gitter zu knien und meine Verfehlungen zu gestehen.
»Gelobt sei Jesus Christus. In Demut und Reue bekenne ich meine Sünden. Meine letzte Beichte war vor zwei Wochen.« So hätte ich loslegen mögen, konnte es aber nicht. Was ich damals zu beichten hatte, war so schlimm, dass ich das niemals einem Menschen, auch nicht dem Bischof hätte anvertrauen können. Lieber würde ich in der Hölle schmoren, so sagte ich mir damals, als diese Sünde zu beichten.
Es war eine merkwürdige Geschichte und angefangen hat sie in der katholischen Volksschule unseres Bauerndorfes. Wir waren 21 Schüler in der Klasse und wenn Religionsunterricht auf dem Stundenplan stand, kam unser Pastor aus dem Pfarrhaus zu uns in den Unterricht. Er trug eine Soutane über seinem großen Bauch und auf dem Kopf hatte er ein schwarzes Barrett mit fünf Ecken. Auf dem Weg in die Schule zu uns rauchte er eine dicke Zigarre, die legte er vor dem Eintritt ins Klassenzimmer in einen gläsernen Aschenbecher auf der Fensterbank im Flur. So wusste man immer genau, wann es Dienstag oder Donnerstag war, denn das waren seine Unterrichtstage und dann stank es nach Rauch. Wenn er das Klassenzimmer betrat, sprangen wir auf und riefen: »Gelobt sei Jesus Christus!« Er antwortete mit seiner näselnden rauchigen Stimme: »In Ewigkeit Amen«, und setzte sich zu uns auf den Tisch. Unser Tisch stand in der ersten Reihe, neben mir saß mein Freund Ludwig und der Herr Pastor setzte sich ganz nah neben mich. Ich rückte dann immer mit meinem Stuhl zur Seite, denn seine schwarze Soutane stank nach Zigarrenrauch. So platziert konnte er die ganze Klasse überblicken. Einmal, als mir langweilig war, zählte ich die Knöpfe auf seiner Soutane, es waren vorne 33. Warum, so fragte ich mich, muss ein Mensch 33 Knöpfe an seinem Anzug haben? Es dauerte doch bestimmt eine Ewigkeit, bis er sie jeden Morgen zugeknöpft hatte. Und, so stellte ich mir vor, wenn er mal aufs Klo müsste? Ach du liebe Zeit, und wenn es dann mal schnell gehen müsste? Hinten an seiner Soutane hatte er nur zwei Knöpfe, und als ich Ludwig fragte, ob er wisse, wieso vorne 33 und hinten nur zwei Knöpfe wären, zuckte der nur mit den Schultern. Er schob den Kopf nach vorne und begutachtete die hinteren zwei Knöpfe. Er guckte lange, dann runzelte er die Stirn: »Die hinten sind für nix gut«, meinte er, »die sind nur so da drauf genäht.«
Nach einer Weile grinste er und flüsterte: »Du bekommst zehn Pfennig, wenn du dem Pastor einen von den Knöpfen abdrehst.«
»Spinnst du?«
»Du traust dich bloß nicht, du Angsthase!«
Zehn Pfennig, das war schon was. Aber was wäre, wenn ich erwischt würde?
»Du musst ganz langsam drehen, dann klappt’s«, zischelte Ludwig, »ganz langsam.«
Indes redete der Herr Pastor über die wundersame Brotvermehrung, die vor ein paar Jahren an einem israelischen See stattgefunden hatte. Ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Ich hörte »Brot«, meinem Hunger nach zu urteilen, musste bald große Pause sein. Ob ich das mit dem Knopf vorher noch schaffen würde? Dann könnte ich ihn herumzeigen. Ich könnte ihn der Walburga zeigen: »Das bin ich gewesen, bin ich nicht ein toller Hecht?« Ich könnte mich feiern lassen. Hätte die Bewunderung von Walburga und zehn Pfennig. Na gut.
Ich schob meinen Arm hinter den Rücken des Pastors, meine Hand tastete sich langsam an den Knopf und ich begann ihn zu drehen. Die wundersame Brotvermehrung ging voran, 5 000 Menschen hatte Jesus mit zwei Broten satt bekommen. Unmöglich. Ich rechnete schnell: unser Bäcker im Dorf backte für 800 Leute 30 Brote, und das vielleicht alle zwei Tage. Wenn jeder nur eine Scheibe Brot bekäme, wären das … schnell zog ich die Hand zurück, der Herr Pastor hatte sich bewegt, er war ein Stück auf dem Tisch nach vorne gerutscht. Nach einer Weile pirschte sich meine Hand erneut an den Knopf der Soutane. Ich drehte wieder daran.
»Weiter, dreh schneller«, flüsterte Ludwig, »du hast ihn gleich!«
Nach weiteren Umdrehungen wurde der Widerstand des Fadens immer stärker, ich drehte in Gedanken an die Menge der leckeren gelben Anisbonbons, die ich für zehn Pfennig bekommen würde, immer fester. Zwanzig Stück bekäme ich bestimmt, und wenn ich noch Opas leere Bierflaschen stibitzte, würde ich für das Flaschenpfand noch mal fünf dazu bekommen.
In der Geschichte vom Herrn Pastor wurden gerade am See Genezareth 5 000 Menschen mit Fischen versorgt. Aber wer hatte die gefangen? Wie wurden sie gefangen, mit dem Netz oder mit der Angel? Keine Rede davon. Wie sollte man so was glauben?
Der Knopf setzte sich mit einer Spannung zur Wehr, die ich ihm gar nicht zugetraut hätte. Dann, nach gefühlt hundert Umdrehungen machte es endlich »Plitsch« und der Knopf sprang in meine Hand, die ich schnell zurückzog. Das »Plitsch« hatte der Herr Pastor wohl gehört, vielleicht hatte er sogar etwas bemerkt. Er drehte sich um und sah uns böse an. Ich ließ meine rechte geschlossene Hand unter den Tisch sinken. Ludwig musste grinsen, er wurde rot wie eine Tomate.
Der Herr Pastor stand auf, ging vor unseren Tisch und polterte los: »Was habt ihr wieder angestellt? Los, heraus mit der Sprache! Die Hände auf den Tisch!« Au weia, jetzt wurde es ernst.
»Ihr Saubande, ihr nichtsnutzigen Bauernlümmel, aufstehen, sofort!« Wir standen auf und ließen die Köpfe hängen. Mist. Erwischt.
»Was hast du da in deiner Faust?«
»Nichts, Herr Pastor.«
»Nichts? Das will ich sehen, das Nichts! Los mach die Hand auf!« Ich schüttelte trotzig den Kopf.
»Burkhard, bring mir den Stock«, brüllte der Herr Pastor durch die Klasse, »schnell, den Stock!«
Burkhard brachte ihn und während er ihn an Hochwürden übergab, sah er uns mitleidig, aber auch ängstlich an.
»Streck die Hand aus«, befahl er, »ausstrecken!«
Noch bevor ich den Kopf schütteln konnte bekam ich einen Schlag mit dem schlanken Haselstecken auf den linken Arm. Das brannte heftig. Und noch einmal schlug er zu und schrie: »Ausstrecken den Arm, Faust öffnen! Wird’s bald?«
Mir blieb nichts anderes übrig. Ich beschloss den Arm zwar auszustrecken, aber auch im selben Moment die Faust zu öffnen und den Knopf fallen zu lassen. Vielleicht gab er dann Ruhe und hörte auf zu schlagen. Kaum hatte ich die Faust geöffnet, der Knopf war noch im Fallen, schlug er mit voller Wucht auf meine Hand. Er traf die Finger und ein schneidender Schmerz schoss durch meinen Körper. Tränen standen in meinen Augen und ich hörte wie Walburga und Ingrid laut seufzten und dann anfingen leise zu schluchzen. Natürlich hatte ich die Hand nach dem Schlag instinktiv zurückgezogen. Er schrie mich an: »Hinhalten, ausstrecken, hinhalten!«
Er holte weit aus, so wie wenn man einen Stein werfen wollte. Sein ganzes Körpergewicht, und das war nicht wenig, legte er in den Schlag. Dann schlug er zu. Es war wieder äußerst schmerzhaft, aber es brachte auch eine Überraschung: der Knüppel war in drei Teile zerbrochen und keins der Teile war so groß, um damit noch schlagen zu können.
»Glück gehabt«, dachte ich mir und hielt meine schmerzende Hand. Aber das mit dem Glück war so eine Sache. Der Herr Pastor, rasend vor Wut, griff in die Tasche seiner Soutane und zog sein Taschenmesser heraus, das mit einem Hirschhorngriff versehen war. Er klappte es auf und hielt es mir vor die Nase. »Du gehst jetzt in meinen Garten und schneidest mir einen neuen Stock, aber schnell!« Er drückte mir das Messer in die Hand und gab mir einen Stoß in den Rücken. »Beeil dich, los, Marsch, Marsch!«
Ich lief die Treppen im Schulhaus hinunter, rannte über die Straße zum Pfarrhaus und klingelte.
Frau Stenz, seine Haushälterin schaute oben aus dem Fenser: »Was willst du?«
»Ich soll im Pfarrgarten einen Stock vom Haselnussstrauch schneiden. Für die Schule, äh…, für den Herrn Pastor.« Ich vermied es »für mich« zu sagen.
»Warte, ich komme.« Sie kam, öffnete die Haustür und ging mit mir in den Garten. Wir schritten über einen schmalen Kiesweg, eingefasst von Buchsbaumhecken, dahinter standen Kirsch- und Apfelbäume.
»Tritt da nicht drauf«, sagte sie. Sie meinte den nassen Kartoffelsack, der wegen dem Gestank über die Bretter der Jauchegrube gelegt war. Der Kiesweg führte an einer Laube vorbei, hier spazierte der Herr Pastor immer im Garten und las laut in seinem Gebetbuch.
Fräulein Sterz zeigte auf einen Strauch: »Von dem am besten, die sind schön gerade gewachsen.«
Als ich das Messer umfassen wollte, war meine Hand so geschwollen, dass ich meine Finger nicht um den Griff legen konnte.
»Nu mach schon, ich hab nicht ewig Zeit«, maulte Fräulein Stenz und glotzte mich durch ihre dicke Brille an.
»Ich kann nicht«, sagte ich verzagt und hielt ihr meine geschwollene Hand hin, »es tut so weh!«
»Gib schon her.« Sie nahm das Messer, machte ein paar Schnitte und gab mir das Messer und den abgeschnittenen Stock. Ich trottete langsam durch den Garten zurück, dachte an das, was gleich auf mich zukäme, warf einen Blick zum Himmel und dachte: »Lieber Gott, bitte hilf mir! Mach, dass ich keine Schläge mehr kriege.«
Aber das Bittgebet hatte bestimmt keinen Zweck, vermutlich steckten der liebe Gott und der Herr Pastor unter einer Decke. Wie immer.
Es war mucksmäuschenstill als ich in die Klasse trat. Während die Mädchen ängstlich schauten, waren meine Kameraden eher erwartungsvoll: wie viele Schläge werden es wohl werden? Wann fängt er an zu weinen?
»Gib her«, herrschte der Herr Pastor mich an. Er nahm das Messer an sich, klappte es zusammen und steckte es in die Tasche. Dann schaute er prüfend auf den Stock und sagte ganz ruhig: »Bück dich.« Dann schlug er zu. Meine Lederhose spannte über meinem Hintern und die Schläge waren scharf und heftig. Ich machte einen Satz nach vorn, um den Schlägen zu entkommen, da packte er mich am Arm. Ich hüpfte bei jedem Schlag einen Sprung nach vorn und tanzte so um den Herrn Pastor herum. Das muss lustig ausgesehen haben, denn Ludwig fing an zu lachen. Das war nun mein Glück, aber Ludwigs Pech.
»Ludwig«, schrie der Herr Pastor, »was gibt es hier zu lachen? Komm her, dir werd ich’s zeigen!«
Er ließ mich los, packte Ludwig am Ohr und verabreichte ihm eine gehörige Tracht Prügel mit dem neuen Haselnussstecken.

 

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