Literatur und Sachbuch
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»Natürlich Brot und Wein« Joachim Heyna

1 – Karl und Franz-Josef Weber

 

»So ein Schwachsinn!« – Ausgerechnet jetzt hört Karl Weber die Stimme seines Bruders Franz-Josef. Klar und deutlich, als stünde er direkt neben ihm: So ein Schwachsinn!
Ausgerechnet jetzt, wo er zitternd und schwitzend sich gegen den Stiel seiner Hacke biegt, mit ganzem Körpergewicht einen Hebel ansetzt wider diesen uneinsichtigen Findling da unter seinem Fuß, tief verwurzelt in der grusig-schiefrigen Erde. Der hustet ihm was. Bewegt sich keinen Millimeter.
Karl entfährt ein Ächzen, er löst langsam die Spannung aus dem Eschenstiel und sinkt erschöpft in die Knie. Sofort steht Poldi, der alte Jagdhund, in Habt-Acht. Regungslos hatte er das Gewühle seines Herrchens beäugt; nun sieht er die Chance, ein wenig Aufmerksamkeit abzugreifen.
»So ein Schwachsinn? Von wegen!«, wendet Karl sich an den einst talentiertesten Fährtensucher im Kreis. Knetet empörte Entschlossenheit in das kurze, raue Fell des Terriers: »Und wenn ich den kompletten Boden ringsherum ausschaufele, dieses störrisch-widerspenstige Geklumpe; und wenn ich den ganzen Tag wüte: Dieses Grauwacke-Monstrum hindert mich nicht daran, meinen Plan zu vollenden. Das wird der Paradestein in meiner Mauer!«
Poldi knurrt zufrieden. Der einzige Jagdhund im gesamten Kreis Ahrweiler mit einem Eintrag im AW-Wiki blinzelt in die schräg stehende Sonne. Dieser Tag lässt sich gut an.
Den neuen Weinberg hoch über der Schieferley noch in diesem Frühjahr zu vollenden, so lautet Karls Plan. Eingefasst und gehalten von einem Dutzend kleiner Trockenmauern. Nach alten Vorbildern hat er sie gebaut. Denselben Prinzipien, nach denen schon die Mönche und Nonnen im Mittelalter den steilen, unwirtlichen Hängen im Ahrtal Morgen für Morgen abgerungen und fruchtbaren Boden daraus geackert haben; kunstvoll angeordnete Terrassen weben, wie mit den Felsen verwachsen, ein steinernes Netz in den Hang und unterwerfen ihn dem Willen des Winzers. Kleinste Parzellen, die wie Schwalbennester aneinandergeduckt sich an den Berg drängen und neuen Rebkulturen Heimstatt und Nahrung sind.
Trockenmauern sind für Karl mehr als elastische Gebilde zur Befestigung von Erdreich. Sie sind Ausdruck einer Jahrtausende alten Kultur, die Funktionalität mit Ästhetik verbindet. Bewunderer nennen sie ehrfürchtig »Chöre«.
Terrassenweinberge erzeugen ein bodennahes Mikroklima, das mit dem eines gemeinen Rebhangs nicht zu vergleichen ist. Sie sind Burgunderstandorte par excellence: Erhöhte Wärmespeicherung, langwellige Wärmeabgabe bis in die Nacht und verbesserter Windschutz durch hangparallele Zeilung führen zu einer längeren Vegetationsperiode und auch späte Trauben zur Vollreife. Nicht zuletzt bieten die ohne Mörtel sorgsam aufeinander geschichteten Mauern einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt Lebensraum, wie er sonst nur im Mediterranen zu finden ist: sonnenbetankte Steinflächen mit schattigen Fluchtritzen und Hohlräumen.
Aus kaltem, abweisendem Gestein formt Karl einen edlen Weinberg. Und bestellt ihn wie Dutzende seiner Vorfahren: naturnah und gottesfürchtig. In die fertigen Chöre hat Karl Erde und Dünger eingebracht, junge Reben gepflanzt, sie gehegt und gepflegt, gehütet und versorgt. Wille des Schöpfers. Für Karl ist das Schleppen und Schichten, das Ausschachten und Verfüllen keine Arbeit, die er als Pflicht oder zum Broterwerb ansieht. Es ist Ausdruck seiner menschlichen Existenz. Nicht umsonst, glaubt er, wurde Weinbau lange von den Mönchen betrieben. Ora et labora. Arbeit im Weinberg ist kein Müssen, sondern ein Wollen und Dürfen, Vollendung eines schöpferischen Plans.
Manche Historiker meinen, die Römer hätten den Weinbau an die Ahr gebracht, verweisen dabei auf die lateinische Herkunft vieler Ortsnamen und Flurbezeichnungen. Andere datieren den Beginn mit den Franken, die vom Niederrhein nach Süden stießen. Urkundlich bestätigt ist der erste »Weinberg ad Aram« im Jahre 770, und das Güterverzeichnis der Reichsabtei Prüm verzeichnet ab 893 Abgaben von Winzerhöfen im Ahrtal. Im Mittelalter, der ersten Hochzeit der Rebkultur im Ahrtal, wurde diese von Domstiften und Klöstern betrieben. Sie stauten die Ahr zu kleinen Seen auf, um die klimatischen Bedingungen den natürlichen an Rhein und Mosel anzupassen. Sicher regulierten sie damit auch die zerstörerische Kraft der immer wieder auftretenden Hochwasser.
Die Säkularisierung verweltlichte auch die Antriebskräfte in der Landwirtschaft. Darin sieht Karl ein Fanal. Der Weinbau verliert seine transzendente Kraft, geschieht er allein aus ökonomisch-rationalen Motiven. Darf man es »Arbeit« schimpfen, in der Frühe des anbrechenden Tages der nackten, kalten Erde zum Leben zu verhelfen, die ihr innewohnenden Kräfte zu wecken und ihre Fähigkeit zur Entfaltung höchster Genüsse zu ordnen, und sei es noch so anstrengend?
Vielleicht. Wäre Karl Angestellter einer Genossenschaft, nach Stunden und Minuten bezahlt, auch er betrachtete wohl die Plagen und Strapazen seines Berufs als ein endliches, materiell fair zu entlohnendes Opfer. Und er läge womöglich ein paar Stunden länger in den warmen Federn, beschwichtigt in dem Glauben, Sinn und Lebensfreude seien danach zu bemessen, wie oft und für wie lange wir dem lieben Gott den Tag stehlen.
Stattdessen beschenkt der Winzer sich seit dem letzten Jahr mit einem ganz besonderen Frühburgunder, den er Rotley nennt. Schon bald wird er sein Werk vollenden und das letzte störrische Stück Erde des Steilhangs in Weinbergsboden verwandeln. Die fertige Parzelle kalkuliert Karl mit insgesamt 300 Stöcken. Genug Most für zwei kleine Fässchen und einen neuen unverwechselbaren Tropfen Dernauer Provenienz.
Frühburgunder Rotley. Mit diesem Namen sollen Weinenthusiasten jene spezielle, unverwechselbare Verbindung aus Rebe und Gewann im Schieferley assoziieren, dessen Terroir sich durch eine rötliche Färbung von der Umgebung unterscheidet.
Der Blaue Spätburgunder gilt als Leittraube der Ahr. Betrachtet man den Anteil der Rebstöcke, die hier in seinem Namen wachsen und gedeihen, ist nichts dagegen einzuwenden: Der »Pinot noir« bedeckt zwei Drittel der Weinbergsböden links und rechts des Flüsschens. Für Karl ist der Frühburgunder der eigentliche König des Tals. Mehr noch als sein großer Bruder verkörpert diese Traube den Charakter des Anbaugebietes. Nach den Ergebnissen der jüngsten Forschung mutierte der erste Frühburgunder auf dem Bachemer Karlskopf, nicht einmal zehn Kilometer von Karls Elternhaus entfernt. Ursache war die »kleine Eiszeit«. In dieser über hundert Jahre andauernden Periode relativ kühlen Klimas in Europa fielen die Durchschnitts­temperaturen merklich. Für die nördlichen Weinbauregionen wie die Ahr war dies fatal. Die Spätburgundertrauben blieben im Wachstum zurück. Umso dankbarer entdeckten Bachemer Winzer an einigen wenigen Stöcken vollreife Trauben und vermehrten sie. Und sie hielten dem »Früh«-Burgunder die Treue, als es wieder wärmer war. Bis heute. Obwohl der »Pinot précoce« sehr viel Pflege braucht und vergleichsweise geringe Erträge liefert. Aber er belohnt die Ausdauer und Ergebenheit der Weinbauern mit samtigen, vollmundigen Rotweinen von betörender Frucht.
Karls Plan hat »wissenschaftliche Segnung«. Die bewaldete Kuppe direkt über der Rotley sei von eisenhaltigen Adern durchzogen und schwemme langsam und kontinuierlich Spuren des Minerals ein. Das hat ihm ein Geologiestudent aus Bonn berichtet, der seit kurzem im Ahrtal herumstreift und merkwürdige Fragen stellt. Und ebenso denkwürdige Antworten gibt. Er vermute dort Klerfer Schichten, wie Geologen den fossilfreien Teil des Unter-Ems bezeichnen; die malerischen Rostmuster seien jedenfalls typisch.
Ronny Dorff, so hatte er sich vorgestellt, sei ein Zugezogener – und wieder nicht. Denn »eigentlich« war, nein, ist er ein Ahrweiler Junge, und genauer: ne Ovehödde Jong. »Eigentlich« wollte Ronny sich nach dem Abi frischen Wind um die Nase wehen lassen, raus aus der Enge des Tales und hinein in die Gerüche und Geschmäcker einer Großstadt. Mit Feuer hatte er sich eingeschrieben am Geologischen Institut in Köln und mit Flamme in das Nachtleben der Domstadt gestürzt. »Eigentlich …«
Dann war seine geliebte Oma gestorben und hatte ihm das Fachwerkhäuschen in der Oberhut hinterlassen. Die vier Huten, fiskalische und Wehrgemeinschaften des mittelalterlichen Städtchens, wurden zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts mit karitativem Anspruch wiederbelebt. Noch heute besteht zwischen ihnen, vor allem unter den Junggesellen, eine herzliche Rivalität. »Eigentlich« war »Omas Butze« ein Fall für ImmoScout24 oder für die Abrissbirne. Ihre abenteuerlich schiefen Streben, Riegel und Stürze sind beredtes Zeugnis jener Zeiten, in denen Ahrweiler Bürger ihr kostenloses Holz aus dem Stadtwald in Jahresfrist verbauen mussten, um nicht das Recht darauf zu verlieren.
Aber keine Millisekunde hielt sich der Anflug eines Gedanken, das historische Gebäude, seit zig Generationen im Familienbesitz, eines der wenigen Unversehrten beim großen Stadtbrand anno 1689, zu verkaufen. Und bevor Ronny sich’s versah, lebt er wieder in dem 800 Jahre alten Mauerring der Kreisstadt, in viel zu niedrigen und viel zu engen Räumen, die ohne jede Veränderung sind, seit er sie mit tapsigen Kinderschritten erkundet hatte, und die ohne jedes Zutun zu einem perfekten Museum taugten.

»Ronny Eigentlich« – so hatte Karl ihn lachend tituliert, bevor er den Studenten vor ein paar Wochen mit in den Keller nahm. Denn »eigentlich« ist der Student ein Meister des Understatements. Käme nie auf die Idee, sich auf sein enormes Wissen etwas einzubilden. Und so beginnt er gerne einen Satz mit demütigem »eigentlich«, selbst wenn er zu hundertundeins Prozent von der Sache überzeugt ist. »Kann ich helfen?«, waren seine ersten Worte zu Karl, als er den Winzer an einem nasskalten Januartag beim Schneiden des Rebholzes traf. »Eigentlich« wisse er, wie das geht, und dass es besser sei, eine Frostrute stehen zu lassen. Karl sah die ersten Handgriffe des merkwürdigen Kauzes und ließ ihn gewähren.
Im Gewölbe der Webers erzählte der Student später so lebendig von seinem Blog über Wein und Geologie, dass Karl eine nie erlebte Ahnung davon bekam, was Seelenverwandtschaft bedeutet. Nach der dritten Probe, einem Grauburgunder aus dem Burggarten, gewachsen auf Sand, Lösslehm und Ahrkies, öffnete Karl dem Jungen sein Herz.
Mit Benedikt Dutsch, dem verschrobenen Dernauer Winzer, der seinen Ruhestand hoch oben über der Steinbergsmühle in einer alten Wingerthütte verbringt, haben die beiden sogar einen gemeinsamen Bekannten. Das erfuhr Karl bei der fünften Probe, einem Spätburgunder Hardtberg vom neuen Jahrgang, Grauwacke mit fetten Lehmanteilen, direkt aus dem Stückfass – herrlicher Vermittler zwischen kühler Eleganz und üppigem Bukett.
Direkt vor der siebten Probe, dem großen Finale, 2003er Pfarrwingert Goldkapsel aus der gut behüteten und dreimal verschlossenen Schatzkammer des Winzerhofs Weber, stand plötzlich Franz-Josef im Keller. Geschlagene zweieinhalb Stunden hatte Karls älterer Bruder auf dessen Rückkehr gewartet. Und nun fragte er sich mit ungläubigem Blick, ob dieser Träumer die ganze Zeit mit einem Wildfremden weinselig beieinander gesessen und gefachsimpelt hatte. Und während Karl und Ronny die Feinheiten des körnigen Trümmersediments aus Grauwacke und Schiefer auf ihren Zungen zu entschlüsseln suchten, schüttelte Franjo nur den Kopf und flehte die Augen zum Himmel. Aber der liebe Gott weigerte sich zu antworten …
Den lieben Gott wähnt Karl eher auf seiner Seite. Denn Wein ist für ihn ein biblisches Getränk. Die Aufgabe des Winzers besteht darin, die natürlichen Gegebenheiten mit Fleiß und Demut zur Vollendung zu bringen. Großen Jahrgängen zur Geburt zu verhelfen, den besonderen Duft und Geschmack einer Lage und – im Idealfall – eines einzelnen Gewanns erklingen zu lassen; penibel herauszuarbeiten, womit der Herrgott Jahr für Jahr jedes Fleckchen Weinbergserde gesegnet hat. Und immer bereit sein zu akzeptieren, dass es bei aller Sorgfalt und Pflege Missernten und Reinfälle geben kann.
Karl betrachtet diese Demut nicht als Schwäche. Für ihn ist das bedingungslose Eintreten für Unverwechselbarkeit und Unverfälschtheit der einzige Weg, um den Ahrweinbau vor dem Schicksal zu bewahren, im Meer industrieller Massenweine unterzugehen. Schärfung der vielfältigen Lagenprofile und Verzicht auf Egalisierung und Verallgemeinerung – das ist aufwändig und teuer. Und keine Selbstverständlichkeit mehr. Weder im Ahrtal noch im Winzerhof Weber. Ginge es nach seinem Bruder, hätte Karl diesen »elitären Schwachsinn« mit der Rotley gar nicht erst angefangen …
Zwei Mal schlägt die Turmuhr von Sankt Johannes Aposteln. Halb Acht. Karl nimmt einen Schluck Tee aus seiner Thermoskanne und schaut hinunter auf den Ort. Das schläfrige Dernau räkelt sich langsam aus einem Kokon von Frühnebelschwaden. Auf der gegenüberliegenden Talseite, über dem Krausberg, hinterleuchtet die Sonne die Szenerie, zart hingehaucht wie von einer Aquarellistin. Majestätisch zeichnet sich der Aussichtsturm des Eifelvereins davor ab. Reglos ruhen die Weinberge. In den Steillagen, die den Ort umschließen, warten die himmlischen Kräfte der Natur auf das Zeichen. Noch starren die abertausenden grauschwarzen Rebstöcke in einer leblosen Grafik.
Karl lässt das Gemälde eine Weile auf sich wirken. Als er heute Morgen in aller Frühe von Zuhause aufbrach, rechnete er insgeheim damit, mit solchen Bildern belohnt zu werden. Das ist der Vertrag: Seine knochenharte Arbeit, sein nimmermüder Einsatz als Weinbauer bringt – kalkulierte man es ohne jede Schönfärberei – um die fünf Euro pro Stunde. Aber sie schenkt ihm unzählige dieser Momente. Wie wertvoll sind Karl die Stunden in der Natur, hoch über seinem Geburtsort, hoch über seiner Heimat, die sich ganz und gar, wie eine Geliebte, unter ihm hinschmiegt, und die ganz und gar ihm vertraut und gefahrlos entgegen flüstert: Das ist das, was du willst. Das ist dein Leben.
Karls umherschweifender Blick fällt auf die Bruchsteinhütte im Alten Wingert auf der gegenüberliegenden Ahrseite. Schemenhaft erkennt er zwei gestikulierende Gestalten. Das müssen Clara und Benedikt sein. Ein Jammer ist das mit den beiden: Die Eheleute leben auf ihre alten Tage »getrennt unter einem Dach«. Blöde Geschichte. Und ein Jammer ist es auch mit dem Alten Wingert, diesem wundervollen Stück Rebland. Karl schüttelt leise den Kopf. Hier ringt er der Natur mit äußerster Anstrengung ein paar Quadratmeter neuen Weinbergsboden ab, und ein paar hundert Meter weiter richtet die ordnende Hand des Menschen nur noch das Nötigste. In der einstigen Premiumparzelle zieht Benedikt nurmehr Allerweltsweine.
Lange ruht Karls Blick auf dem Winzerhof Weber. Dort betreibt er mit seinem Bruder Franjo das elterliche Weingut. Seit zwei Generationen bauen die Webers ihre Tropfen wieder selbst aus. Mit der Flurbereinigung und der Konzentration der Genossenschaften ergriff der Vater die einmalige Gelegenheit: Er trat aus dem Weinbauverein aus und kaufte Parzellen in den besten Lagen hinzu – Hardtberg, Pfarrwingert, Schieferley. Mit dreieinhalb Hektar Rebfläche begann für den Winzerhof Weber eine selbstbestimmte Zukunft.
Karl sieht den Geländewagen vom Hof fahren, und Sekundenbruchteile später dringen die Motorgeräusche zu ihm herauf. Das ist Franz-Josef, der die Kinder zur Schule nach Ahrweiler bringt. Frederike und Bruno haben den Zug verpasst, vermutet Karl. Sind mal wieder nicht aus dem Bett gekommen. Also darf Papa den Chauffeur spielen.
Und danach fährt Franjo Akquise, bettelt Restaurants und Kneipen an, die Weine des Winzerhofs auf die Karte zu nehmen. Die Rheinlust in Remagen etwa, das neue Weinbistro mit Blick auf die Erpeler Ley und die legendären Brückenköpfe, direkt neben PANEM CALIDI gelegen, dem futuristischen Forschungsinstitut für Backwaren. Mit stylischem Ambiente und verrückten Ideen avanciert die Rheinlust zum Treffpunkt für junge Genießer. Hierin gibt Karl Franjo Recht: Mit denen ins Geschäft zu kommen, wäre ein Volltreffer. Wenn er auch bezweifelt, ausgerechnet die gradlinig puristischen Tropfen des Winzerhofs begeisterten deren Publikum.
Vielleicht wandelt Franjo auch wieder »auf den Spuren moderner Weinbereitung«. Lässt sich von einflussreichen Freunden und hochdekorierten Ratgebern Flausen in den Kopf setzen, mit denen er Karl zur Weißglut treibt. Seit sein Bruder Vorsitzender der Freunde des Ahrweins ist, turnt er von Veranstaltung zu Veranstaltung, lernt lauter fragwürdige Modernisierer des deutschen Weins kennen und hortet Hochglanzprospekte zur schönen neuen Weinwelt. Und nicht genug, behelligt er Karl immer häufiger mit Ideen, die so gar nicht mit dessen Vorstellungen von seinem Berufsstand übereinstimmen. Am liebsten verpasste Franjo dem Winzerhof eine Radikalkur, eine komplett neue Philosophie. Kein Stein dürfe mehr auf dem anderen stehen …
Karl schraubt den Aluminiumbecher auf das Gewinde seiner Thermoskanne und seufzt. Dann gibt er sich einen Ruck. Mit grimmiger Entschiedenheit schlägt er die Hacke in die skelettreiche Erde.

 

*

Die Vorstellungen von Franz-Josef Weber sind tatsächlich immer weniger mit denen von Karl zu vereinbaren. Für Franjo ist sein »kleiner Bruder« ein Phantast. Ein Romantiker, der die Zeichen der Zeit nicht erkennt. Während der Vorsitzende der Freunde des Ahrweins seine Kinder zum Gymnasium auf den Calvarienberg fährt, denkt auch er über die gemeinsame Zukunft nach. Selbst im Ahrtal wird Weinbau immer mehr zum knallharten Geschäft. Nicht rückwärtsgewandtes Romantisieren ist angesagt, sondern pragmatisches Kalkül. Es ist höchste Zeit, »gefällige« Weine anzubieten, um vor allem jungen Menschen den Zugang zu erleichtern. Die neue Kundengeneration will »abgeholt« werden.
Schwachsinn? Es ist mehr. So eine neue Trockenmauer ist für Franjo der Inbegriff von Ignoranz und Träumerei. Betriebswirtschaftlicher Rohrkrepierer. Ach, wenn es das alleine wäre. Soll Karl in seiner Freizeit machen, was er will. Solange er seine Pflichten im Familienbetrieb nicht vernachlässigt. Nein, das kann Franjo Karl nicht vorwerfen. Sein Bruder arbeitet härter und preiswerter als der fleißigste osteuropäische Lesehelfer. Was ihn beunruhigt, ist die Verbohrtheit und Konsequenz, mit der Karl jede Innovation ablehnt, mit der er jeden technologischen Fortschritt als Teufelszeug verurteilt.
Kunststück, denkt Franjo und setzt den Blinker Richtung Walporzheim. Karl muss keine Familie ernähren, trägt Verantwortung nur für sich selbst. Dass dem Winzerhof langsam die Stammkunden wegsterben, dass seit Jahren die Umsätze stagnieren, die Kosten jedoch aus dem Ruder laufen, das alles weiß Karl, weil Franjo keine Gelegenheit auslässt, es ihm unter die Nase zu reiben. Stur wie ein Dernauer Esel bleibt er dennoch bei seinem Credo: Wein ist ein biblisches Getränk und keinerlei Manipulation zugänglich.
Das vornehme Weinhaus Sankt Peter mit seiner blütenweißen Fassade und den rot-weiß gemusterten Fensterläden streicht vorbei. Manipulation! Wenn Franjo das schon hört. Wo fängt das an und wo hört es auf? Alles, was er an Neuerungen vorschlägt, ist legal. Im europäischen Recht geregelt und zugelassen. Punkt. Wenn diese neuen Freiheiten uns helfen, und wenn der Kundengeschmack es nicht anders will – dann wird auch ein Winzerhof Weber sich nicht dagegen sperren können. Das ist die Realität!
Der Land Rover passiert die alte Weinbauschule im Himmelchen. Das etwas heruntergekommene Gebäude strahlt historistisch-selbstgefällige Eleganz aus. Auffällig leuchtet das tadellos restaurierte Wappen der Rheinprovinz im Zentrum der bröckelnden Fassade. Anfang des letzten Jahrhunderts sollte die Provinzial-Wein- und Obstbauschule den Winzern den Weg in die neue Zeit aufzeigen – weg von überkommenen Vorstellungen hin zu modernen Methoden. Mit der Landwirtschaftsreform um die Jahrtausendwende verlor das stolze Anwesen angeblich seine Berechtigung und wurde geschlossen. So geriet es in die Hände von Dieter Hopper, einem Geschäftsmann, dessen Ideen im Ahrtal, vorsichtig ausgedrückt, auf Unverständnis stoßen. Immerhin bemüht er sich, dieses wertvolle Zeugnis der Neorenaissance zu erhalten. Warum allerdings das Wappen zuerst restauriert wurde, ist Hoppers Geheimnis. Und ein weiterer Anlass für Gerede.
Franjo lässt den Wagen vor dem Eingang des Gymnasiums auf dem Calvarienberg ausrollen. Für ihn steht fest: Die Brüder müssen bald eine Grundsatzentscheidung treffen, sonst sieht es düster aus.
»Papi, du bist der Beste!«, ruft Frederike, während sie hinaushüpft.
Franjo hört weder die Schmeichelei seiner Tochter, noch sieht er das mürrische Gesicht seines heftig pubertierenden Sohnes.
Als er den Wagen die Blandine-Merten-Straße hinunterbremst, vibriert das Handy in seiner Hosentasche. Das wird Elfriede sein, die wieder irgendeinen Auftrag für mich hat, denkt er missmutig. Ignorieren, springt es ihn an. Die Vorstellung, dafür später von seinem Eheweib bitter beklagt zu werden, lässt ihn rechts an den Bordstein fahren und den Motor abstellen.
Im Schatten der imposanten Klosteranlage scrollt Franjo durch die Nachricht, die sein Leben verändern wird. Sie klingt eher harmlos, wenn auch kryptisch. Die SMS ist nicht von Elfi, sondern von einem bis eben nie benutzten Kontakt: Hallo Herr Weber, ich habe ein interessantes Angebot für Sie. Bitte rufen Sie bald zurück und bewahren Stillschweigen. Grüße Dieter Hopper
Dieter Hopper. Drei Dinge schießen Franjo durch den Kopf. Erstens: Niemand polarisiert das Ahrtal mehr als der Geschäftsführer der Novovinum Weinmanufaktur und Handelsgesellschaft in Walporzheim. Zweitens: Hoppers anfänglich eher aufdringliches Engagement bei den Freunden des Ahrweins ist merklich zurückgegangen. Und drittens: Dieser Kerl hat es trotz heftiger Widerstände und Pleiten immer wieder auf die Beine geschafft.
Ein interessantes Angebot? Das könnte so eine Nachricht ganz im Sinne von Elfriede sein. Ginge es nach ihr, hätte Franjo längst die Konsequenzen gezogen. Elfi weiß »sicher wie das Amen in der Kirche«, dass Karl zu keinerlei Kompromiss zu bewegen ist. Umso mehr drängt sie Franjo, Fakten zu schaffen und die Zusammenarbeit mit seinem Bruder zu beenden. Als Vorsitzender der Freunde des Ahrweins und als überregional geachteter Sommelier hätte er alle Möglichkeiten.
Am Ende wird sie wieder Recht behalten, denkt Franjo. Und seine Eingeweide melden im gleichen Moment, genau das gehe ihm gegen den Strich.

 

 

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