Literatur und Sachbuch
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»Zwischen Wein und Liebe« Renata A. Thiele

 

 

MIRA

 

Der Fernbus mit polnischem Kennzeichen verließ nach achtzehn Stunden die Autobahn. Er neigte sich in der Kurve gefährlich zur Seite, um sich gleich wieder aufzurichten. Der Busfahrer war müde und sehnte sich nur noch danach, endlich am Ziel anzukommen und sich sofort ins Bett zu legen. Die lange Fahrt zehrte an seinen Kräften. Mit einer Hand rieb er sich über das Gesicht, die andere am Lenkrad.
»O Gott, was war denn das? Was hat der Traum zu bedeuten?«, murmelte Mira erschrocken in die Dämmerung und sah aus dem Fenster. »Wo sind wir?«
Die Sonne versteckte sich noch immer hinter den Morgennebeln, die die Gegend in milchige Schleier hüllten, als wollten sie die Landschaft vor neugierigen Blicken schützen. Noch schwach sichtbare Hügel oder Berge am Horizont erinnerten sie an die Sudeten, wohin sie oft in den Ferien mit der Schulklasse gefahren war. Alte Zeiten – und trotzdem, diese Erinnerung nahm ihr auf einmal ein Stück von der Angst vor Unbekanntem, dem sie entgegenfuhr.
Mira streckte sich und ließ ihre Gelenke knacksen. Bequemes Reisen war mit Sicherheit anders. Ihre Sitznachbarin schien weniger anspruchsvoll zu sein – sie schlief seelenruhig weiter. Oder sie hatte keine Lust, sich zu dieser frühen Stunde mit jemandem zu unterhalten. Mira schloss die Augen wieder und dachte über die letzten Monate zu Hause nach.
Sie war in Polen in der Buchhaltung einer Baufirma tätig gewesen und, nachdem diese mit einem großen Krach Pleite gegangen war, war sie entlassen worden. Da ihren Eltern leider das Geld für Miras Wirtschaftsstudium gefehlt hatte, hatte sie nur eine kaufmännische Lehre abgeschlossen. Nach der Entlassung konnte sie mit ihrer Ausbildung keine Arbeit finden. Jedenfalls keine in ihrem Beruf. Der größte Teil der Unternehmen war nur an studierten Angestellten interessiert, wenn sie auch nicht bereit waren, deren Arbeit angemessen zu vergüten. Unzählige Tage hatte sie beim Arbeitsamt Schlange gestanden, im Internet nach Angeboten gesucht, und sich bei vielen Unternehmen beworben, doch nur in wenigen Fällen hatte sie überhaupt eine förmliche Absage bekommen. Die meisten Firmen hatten sich nicht einmal diese Mühe gemacht. Schließlich hatte eine Nachbarin, die selbst bereits mehrmals für ein paar Monate nach Deutschland gependelt war, ihr diese Arbeit an der Mosel vermittelt.
»Na Saksy pojedziesz?! Nach Sachsen willst du gehen und bei den Deutschen schuften? Deswegen haben wir den Krieg gewonnen?« Ihr Vater war ganz und gar nicht von ihrer Idee begeistert gewesen. Aber auch er hatte keine bessere Lösung gefunden. Und als er in Rente gegangen war, stand fest, dass Mira etwas unternehmen musste. Ihre Mutter verdiente nicht viel, es reichte von vorne bis hinten nicht. Und die Nachbarin hatte erzählt, dass die Deutschen ganz gut zahlen würden. Es sollte ja nicht für immer sein.
»Das ist nicht in Sachsen. Die Mosel ist irgendwo im Westen, fast schon in Frankreich – oder so«, hatte sie versucht, die geografischen Kenntnisse ihres Vaters zu erweitern.
»Na, dann pass dort in diesem Westen gut auf dich auf. Nicht, dass sie dich übers Ohr hauen! Das können sie gut!«, hatte er zum Abschied gebrummt und sich heimlich mit dem Ärmel die Tränen abgewischt.
Mira wusste nicht, woher ihr Vater dieses Wissen über Deutsche hatte, aber das interessierte sie noch weniger als das, was er von ihren Plänen hielt. Sie musste und sie wollte weg. Es schien ihr, als erstickte sie in diesem Land, in ihrer Heimat, ohne Aussichten auf ein normales Leben, ein Leben mit Zukunft. Sie wollte ihr Zielona Góra vielleicht nicht für immer verlassen, aber auf jeden Fall musste sie das jetzt tun.

Der Bus erreichte eine alte Brücke, deren Fahrbahn gerade erneuert wurde. Große Straßenbaumaschinen standen zu Füßen des steilen Hangs und versperrten einen Streifen, so dass nur einer befahrbar war. Der Busfahrer bemerkte die Fräskante und bremste heftig. Zu spät, der Bus fuhr holpernd darüber, und es schüttelte die Reisenden kräftig durch. Ein lautes Stöhnen und gemurmelte Proteste der Geweckten ertönten von allen Seiten. Leere Wodka- und Bierflaschen rollten krachend unter den Sitzen hin und her. Mira blinzelte. Inzwischen stand die Sonne vollständig über dem Horizont und leuchtete grell durch halbbeschlagene Fensterscheiben. Sie wischte das Kondenswasser weg, hielt sich die Hand schützend vor die Augen und betrachtete die Landschaft.
Sie fuhren durch ein Dorf. Es war so ruhig und so sauber, aufgeräumt, gepflegt, als hätten sich die Bewohner auf einen hohen Besuch vorbereitet und nun aus irgendeinem Grund auf ein Zeichen gewartet, die Häuser verlassen zu dürfen. Doch damit wäre bestimmt nicht ihre Ankunft gemeint. Mira und ihre Mitreisenden waren keine Besucher – sie waren Erntehelfer.
Entlang der Straße standen aneinandergereiht Weinschenken, Gaststätten und ein paar Geschäfte. Gartenzäune und Einfahrten zu Winzerhöfen durchbrachen die Mauerlinien. Es war noch kein Mensch im Ort zu sehen. Nur eine getigerte Katze, die auf einer Bank neben einem Hauseingang lag und anscheinend gerade aufgewacht war, streckte sich ausgiebig in der Sonne. Mira winkte ihr zu. Die Katze bedachte sie mit einem gleichgültigen Blick, gähnte und schloss die Augen wieder.

Zwei Männer stiegen den steilen Hang hinauf. Als sie auf dem Gipfel angekommen waren, keuchte der Ältere schwer. Er fasste sich ans Herz und schnappte nach Luft. Der Jüngere betrachtete ihn besorgt – und schwieg. Er wusste, dass sein Vater die immer wieder spontan bekundete Fürsorge nicht mochte, wenn diese auch gut gemeint war. Dieser erste Gang am frühen Morgen musste immer zu Fuß zurückgelegt werden, und nicht mit dem Wagen auf einem weiten Umweg. Nun standen beide nebeneinander und genossen schweigend den Augenblick.
Vor ihnen, am gegenüberliegenden Ufer, erstreckte sich ein vereinzelt von nicht besonders hohen Hügeln unterbrochenes Flachland. Obwohl auch hier Wein angebaut wurde, so war doch die Südlage der Mosel dem Weinanbau vorbehalten. Zu den Füßen der beiden Männer liefen in geraden Reihen Weinreben den steilen Hang hinunter. Den zweitsteilsten Hang in Europa, schwierig zu bearbeiten. Jede Tätigkeit wurde hier nur unter enormem Aufwand ausgeführt und man riskierte immer, abzurutschen oder dass man sein Werkzeug oder bereits gelesene Trauben verlor. Mit der voll beladenen Hotte, einem Weinkorb, auf dem Rücken, war das Balancieren zwischen den Rebstöcken nicht einfach. Seit einigen Jahren wurden zunehmend Maschinen eingesetzt, die die Arbeit für Menschen sicherer machten. Allerdings waren sie nicht ohne weiteres und nicht überall einsetzbar.
Sauermanns besaßen neben dieser exponierten Lage noch drei weitere, große und weniger steile Weinberge, die ein paar Kilometer auseinander, jedoch alle am linken Ufer der Mosel lagen. Geradezu prädestiniert, um gute Weine zu liefern. Die Schieferböden waren typisch für diese Gegend, man könnte meinen, dass aus diesem Grund alle Weine gleich schmecken müssten. Und doch hatten es Sauermanns geschafft, die Qualität ihrer Produkte durch ausgesuchte Rebenkreuzungen zu steigern. Schließlich saßen sie hier seit Generationen und konnten es sich leisten, trotz all ihrer Traditionsverbundenheit neben dem Bewährten Neues auszuprobieren. Und diese Kombination hatte Früchte getragen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der alte Sauermann sah seinen Sohn von der Seite an. Ja, Thomas würde sein Werk fortführen.
»Es wird Zeit, dass du das alles übernimmst. Ich bin ein alter Mann. Du und Andrea werdet das gut machen.« Hermann Sauermann nahm gierig einen Schluck Wasser aus der Flasche und wischte sich den Mund ab.
Thomas schmunzelte. Seitdem sie ihr Abi gemacht hatten, war klar und sicher gewesen, dass Andrea und er irgendwann heiraten, die Weingüter ihrer Eltern übernehmen und sie zusammenführen würden. Damals wusste man noch nicht einmal, dass es zur Flurbereinigung auf der Ritsch kommen würde und dass die Weinberge beider Familien tatsächlich zu Nachbarn würden. Diese Maßnahme machte die Verwirklichung ihres Vorhabens nur noch einfacher. Man konnte besser planen und bei allen Arbeiten Wege sparen. Das war viel. Bereits jetzt vereinigten sie ihre Kräfte und machten viel über das hinaus, was sonst üblich war, gemeinsam. Denn dass man sich unter Nachbarn half, war eine jahrhundertealte Tradition. Seine Weine erfreuten sich eines hohen Ansehens nicht nur in Deutschland. Er durfte stolz auf die Erfolge sein, waren seine guten Jahrgänge immer wieder mit renommierten internationalen Preisen ausgezeichnet worden. Jetzt lag es an den Kindern, das Werk der Eltern fortzuführen. Er sah auf seinen Sohn, der nun bald über alles entscheiden würde. Und war überzeugt, dass er ihn gut darauf vorbereitet hatte.
»Ach Papa! Was redest du da? Du bist doch noch stark und fit.«
Sein Vater schien das überhört zu haben: »Ist sie nicht wunderschön – diese Natur, unsere Mosel? All das fließt in unsere Weine ein. Da darf es nicht wundern, dass sie so gut schmecken. Ich bin so froh, mein Sohn, dass du hier weitermachen wirst. Eigentlich freue ich mich darüber jeden Morgen, wenn ich die Augen öffne.« Er klopfte seinem Sohn auf die Schulter und nickte zufrieden.
Sein wettergegerbtes Gesicht legte sich in Falten, und jede von ihnen zeigte, wie sehr ihn diese Vorstellung glücklich machte. Er liebte seinen Weinberg, gar keine Frage, und würde am liebsten bis zum Tode dort arbeiten – so hatte er sich das einmal vorgestellt –, aber er wurde immer schwächer. Sein Herz, die alte Pumpe, arbeitete nicht mehr richtig, und eine Operation schob er unter allen nur erdenklichen Vorwänden vor sich her.
Er zwinkerte ein paarmal und strich sich mit seiner rauen Hand über das Gesicht. Thomas erwischte aus dem Augenwinkel den Blick seines Vaters. Lag da ein wenig Wehmut in dessen Augen? Oder gar ein Anflug von Furcht? – Nicht doch.
»Schau, Vater! Der Bus dort unten. Ich glaube, da kommen unsere polnischen Erntehelfer.«
»Wurde auch langsam Zeit. Die meisten müssen noch wie immer angelernt werden. Ich habe gehört, dass nicht einmal die Hälfte Ahnung hat, wie man im Weinberg arbeitet. Na ja, wir werden sehen.«
Der Bus überquerte die Mosel und humpelte wie ein Spielzeug über die Unebenheiten der Straßenbaustelle.
»Die Brücke müsste auch endlich mal fertig werden«, seufzte Thomas’ Vater. »Die Bauarbeiter haben die Ruhe weg. Die müssen nicht so wie wir auf das Wetter achten. Denen verderben ja die Steine nicht.« Er winkte ab. »Lass uns runtergehen. Schauen wir mal, wer da alles gekommen ist. Ich habe zwei Neue angefordert, doch Franek und Roman sind auch wieder dabei. Zumindest haben die beiden genug Erfahrung, um andere anzulernen.«
Thomas’ Handy klingelte. Er sah auf das Display.
»Papa, das ist Andrea. Sie ist in die Stadt gefahren, um ein neues Kleid für ihren königlichen Auftritt zu kaufen. Wieder eins. Mann, das wird noch eine harte Zeit für uns alle sein!«
»Ja, ja. Mach’s schon«, antwortete der Vater und stapfte langsam den Hang hinunter.
»Hey, Schatz. War die Kleiderauswahl und Anprobe so prickelnd, dass du jetzt nicht mehr selbst fahren kannst?«, lachte Thomas. »Ja, ja. Ist schon gut. Wo soll ich dich abholen?«
Der junge Mann folgte seinem Vater und holte ihn schnell ein. Gemeinsam kehrten sie zum Hof zurück.

Auch im Hof des Winzers Werner Hauser erwartete man an diesem Morgen viele Gäste. Wie jedes Jahr mussten die Winzer an der Mosel auf ausländische Helfer zurückgreifen. Für die steilen Hänge hatten sie noch keine entsprechenden Erntemaschinen, also gab es viel Arbeit, die mit den Händen erledigt werden musste. Die einheimischen Kräfte reichten da nicht aus.
Die Erntehelfer sollten heute früh ankommen, und nach mehrstündiger Reise aus Polen würden sie mit Sicherheit hungrig sein. Da die meisten nicht zum ersten Mal an der Mosel arbeiten sollten, würde auch in anderen Weinhöfen ein herzliches Wiedersehen gefeiert werden. Morgen sollte es mit der Weinlese losgehen, alles stand einsatzbereit.
Franziska Hauser überschlug die Anzahl der Gäste und bestellte schon am Abend davor vierzig Brötchen und ein paar Brote. Vom Metzger holte sie Wurst, Aufschnitt und Fleisch für den Abend. Sie seufzte beim Gedanken an das Kochen, das ihr in den nächsten Wochen bevorstand. Ihre Schwester, die in Trier wohnte, würde glücklicherweise auch diesmal nach Moselheim kommen, um sie dabei zu unterstützen, aber leider nicht über die ganze Zeit.
Jetzt musste sie nur noch zum Bäcker. Sie parkte vor der Bäckerei und öffnete den Kofferraum.
»Mojn!«, rief die Bäckersfrau, als sie Franziska erblickte. »Es war goldrichtig, dass du die Brötchen bestellt hast.« Als die Winzerin fragend die Augenbrauen hob, fügte sie hinzu: »Deine liebe Nachbarin hat es versäumt, und nun wollte sie sich an deinen vergreifen.«
»Ach ja. Die alte Breuer. Die wird wohl nie dazulernen. Sie denkt nur an Heute«, bestätigte Franziska und hievte die großen Taschen von der Theke und brachte sie zum Wagen.
»Vergiss die Brote nicht!«, rief ihr die Bäckerin hinterher.
»Heiße ich etwa Breuer?«, lachte Franziska. »Den Kuchen lasse ich später abholen, ja?«
»Hallo Franziska!«, hörte sie die tiefe Stimme von Gudrun Sauermann hinter ihrem Rücken. »Hoffe, du hast nicht das ganze Brot gekauft. Auch wir haben Helfer bestellt.«
»Guten Morgen, Gudrun. Heute ist ja überall was los, was?«
»Das kannst du laut sagen. Und es lohnt sich. Das Wetter verspricht eine tolle Weinlese.«
»Und viel Arbeit. Es muss schnell gehen. Die Trauben haben beschlossen, alle auf einmal reif zu werden.«
»Mhm. Meiner Tochter habe ich wie jedes Jahr die übliche Urlaubssperre verhängt. Sie muss mir im Haushalt zur Hand gehen, sonst schaffe ich es nicht. Die ist wohl sauer!«, schnaubte sie.
»War das wirklich nötig?«
»Ja. Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Tochter nicht wirklich meine eigene Tochter ist. Thomas ist mit Weinreben in der Hand auf die Welt gekommen. Er liebt die Weinberge und kann ohne die nicht leben. Tina ist das alles hier schnurzegal. Sie will nur in die Stadt. Ich höre nur Computer und Internet. Was sieht sie da bloß in dem Zeug?«
Gudrun Sauermann erwartete keine Antwort auf diese Frage, sie konnte nur nicht verstehen, wie man woanders, und nicht an der Mosel leben wollte. Franziska lächelte verständnisvoll, kannte sie die Geschichte nur zu gut, da sie sich wie ein Ritual jedes Jahr wiederholte. Mit immer dem gleichen Ausgang: Tina lief mit einem finsteren Gesicht durch den Ort, als bestrafte ihre Mutter sie – und freute sich ausschließlich auf Weinfeste. Gut nur, dass Thomas eine Freundin hatte, die genauso wie er, ihre Zukunft im Weinanbau sah.
»Na dann. Wir sehen uns wohl morgen beim Bäcker wieder, was?«, fragte Gudrun.
»Wie? Holst du deinen Kuchen nicht auch heute Nachmittag ab? Wie immer?«
Gudrun lachte auf und verschwand in der Bäckerei.

Nach achtzehn Stunden war die Fahrt zu Ende. Die verschlafenen Passagiere stiegen nach und nach aus dem Bus und streckten sich laut gähnend.
Mira lief ein paar Schritte auf steifen Beinen – nur langsam gewannen ihre Gelenke die gewohnte Biegsamkeit – und sah sich dabei neugierig um. Alles hier war unbekannt. Auch die Luft schien anders zu riechen. Sie atmete lange und tief ein. Der Geruch der Gegend war kühl, frisch, grün … Ja, es roch nach Blumen, Rasen, und nach Wasser der ganz in der Nähe träge vorbeifließenden Mosel – all das ergab eine Mischung in saftigem Tiefgrün. Es war ein anderes Grün als das in ihrer Heimat. Mira schmunzelte und nickte nachdenklich mit dem Kopf, als sie zum Bus zurückkehrte. Plötzlich bemerkte sie einen jungen Mann, der ihre Tasche aus dem Kofferraum des Busses nahm.
»Hallo, du! Lass die Tasche ruhig da liegen, wo sie ist!«, rief sie in scharfem Ton, der keinen Zweifel zuließ, dass sie es ernst meinte.
Der junge Mann erschrak und ließ die Tasche fallen. Immer noch gebückt, blickte er zu ihr herüber.
»Ähm, ich wollte sie nur zur Seite schieben …«
»Ja, klar. Und dann ist sie weg. So etwas kennt man schon.«
»Also hör mal!« Empört richtete er sich auf und stieß mit dem Kopf laut gegen die Kofferraumklappe. Und erntete schallendes Gelächter der Mitreisenden, die bereits ausgestiegen waren.
Die Transportgesellschaft »Sindbad« sorgte schon seit über dreißig Jahren für die ständige Zufuhr von Hilfskräften und deren Heimreisen. Aus ganz Polen kamen sie, um sich im Moseltal als Ernte- oder Weinlesehelfer zu verdingen. Studenten, die in den Ferien etwas dazuverdienen wollten, alte und junge Menschen, die ihren Job in Polen verloren und noch keinen neuen gefunden hatten. Sie kamen alleine, mit Freunden oder mit Familienmitgliedern.
Mira sah den jungen Kerl zwar immer noch aufmerksam an, schüttelte sich aber innerlich vor Lachen. Es geschah ihm recht – diesem Gockel! Auf der ganzen langen Fahrt hatte er, statt zu schlafen, laut geprahlt, was er alles über die Deutschen wüsste und wie er sie austricksen könnte. Ein peinlicher Typ, hatte Mira gedacht und demonstrativ den Kopf zum Fenster gedreht.
Als sich die Aufregung schließlich gelegt hatte, wurde schnell klar, dass Mira ausgerechnet mit ihm und noch ein paar weiteren Personen in denselben Kleinbus einsteigen sollte, was bedeutete, dass sie über den nächsten Monat, vielleicht sogar noch länger, bei demselben Winzer zusammenarbeiten würden.
»Verdammt«, fluchte sie leise und stieg ein.
Nun ging die Fahrt entlang der Mosel. Der Weg schlängelte sich wie der Fluss, als wären sie auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden. Wahrscheinlich waren sie es auch. Die Südhänge waren mit Weinreben bewachsen, die in geraden Reihen hinaufstiegen. Überall herrschte Ordnung. Das gefiel Mira. Sie betrachtete gebannt die Gegend, die so ganz anders war als zu Hause, in Polen. Es war ihr sogar gelungen, den Prahlhans von vorhin zu vergessen. Ihr Blick schweifte nach rechts. Vor ihren Augen lag jetzt eine weite Ebene mit einer kleinen Ansammlung von Häusern. Die Siedlung hörte plötzlich auf und hinter ihr erstreckten sich Weinfelder, Weinfelder bis zum Horizont. In schnurgeraden Reihen standen Weinstock an Weinstock, diszipliniert, bereit ihr Bestes zu geben. Wo waren nur die Weingärten, wo sie arbeiten würde? – fragte sie sich. Ihre Sitznachbarin sah ihr diese Frage wohl an.
»Dreh dich um«, sagte sie nur.
Mira gehorchte und bekam das Gefühl, als würde sie mit der Stirn gegen einen steile Felswand prallen, bis zum Gipfel bewachsen mit Weinreben. Auf der Mauer stand in großen Buchstaben Thörnicher Ritsch. Ritsch? Deutsch ist schon komisch, lächelte sie und nickte. Hoffentlich hatte das nichts mit ryczeć, also brüllen oder noch schlimmer, heulen, zu tun. Das wäre nämlich kein gutes Zeichen. Auf einmal lief ihr ein Schauer über den Rücken – sie erinnerte sich an ihren Traum, den sie auf dem Weg hierher gehabt hatte. Sie schob den unangenehmen Gedanken beiseite. Sie lachte auf.
»Sind wir schon da?«
»Ich denke, ja.« Die Frau neben ihr war sich nicht sicher. Der Bus hatte bereits einmal gehalten und ein paar Leute waren ausgestiegen. Nun setzte er sich wieder in Bewegung. Sie überquerten eine Straße und hielten bald in einem Innenhof, umgeben von landwirtschaftlichen Gebäuden. Mira gab sich einen Ruck und stieg aus. Und wieder wunderte sie sich, wie sauber und aufgeräumt der Hof war. Auf der Beifahrerseite stieg ein Mann von etwa sechzig Jahren aus. Sein Gesicht war sonnengegerbt und er wirkte alt, aber körperlich schien er noch richtig fit zu sein, wie flott er aus dem Bus sprang. Als alle ausgestiegen waren, stellte er sich vor die Gruppe.
»Zunächst herzlich willkommen in unserem kleinen, aber feinen Moselheim. Mein Name ist Werner Hauser. Wir freuen uns, dass ihr uns bei der Weinlese unterstützen wollt. Dafür gibt es selbstverständlich eine gute Entlohnung. Wir hoffen, dass es euch bei uns gefällt.«
Der Mann hatte es nicht so mit Reden, stellte Mira fest, obwohl sie ihn kaum verstanden hatte. Sie konnte aber merken, dass ihm schnell die Worte ausgingen – er kam auf dem kürzesten Weg auf den Punkt. Deswegen griff er wohl sofort zur Lesebrille, nahm ein Blatt Papier in die Hand und begann zu lesen: »Miroslawa, Jacek, Ewa, Krschischtoff …«
»Krzysztof, Krzysiek«, unterbrach der Angesprochene ihn mit ruhiger Stimme. »Chris ist auch okay«, fügte er gleich hinzu und lächelte unsicher.
»Uh! Also gut. Und Chris. Ihr werdet hier bei uns wohnen. Die anderen kommen mit. Hier nebenan ist ein freies Haus, das wir für euch vorbereitet haben. Es wird euch gefallen, ihr werdet sehen. Ihr könnt euch jetzt frisch machen, und dann gibt es ein kleines Willkommensfrühstück.«
Niemand rührte sich. Niemand verstand den Deutschen. Als Chris das merkte, ergriff er die Gelegenheit und übersetzte.
Hauser seufzte erleichtert.
»Gut. Du wirst mein Dolmetscher, bis meine Frau kommt. Sie spricht ein bisschen Polnisch.«
»Gern«, sagte Chris und seine Brust hob sich merklich.
Jacek, der Prahlhans, sah ihn verächtlich an: »Lizus, Schleimer.«
Mira hörte es und bedauerte sofort, sich für diese Arbeit entschieden zu haben. Jacek fiel wieder unangenehm auf, seine Anwesenheit hier verhieß nichts Gutes. Sie schüttelte den Kopf und hoffte, dass er sich nach harter Arbeit beruhigen und nicht für Konflikte sorgen würde. Sie nahm ihre Tasche, nickte Ewa zu und ging vor. Ein Junge, der in der Haustür erschien, machte eine einladende Armbewegung und führte die beiden Frauen zu ihrem Zimmer.
»Bitte, das ist euer Zimmer und dort das Bad.«
»Danke«, sagte Mira. So viel Deutsch konnte sie schon.
Der Junge errötete und huschte davon.
Das Zimmer war nicht sehr groß und einfach, aber hübsch eingerichtet. Mira und Ewa sahen sich um. Hier würden sie also die nächsten Wochen wohnen, obwohl sie sich noch gar nicht kannten. Ein Gefühl der Unsicherheit übermannte Mira wieder. Und Ewa wohl auch, denn auf einmal lächelten sich beide gegenseitig aufmunternd zu.
»Das wird schon«, entschied Ewa und legte ihre Tasche auf einen Stuhl.
»Na klar! Das hier ist meins.« Mira zeigte auf das linke Bett, und wieder lachten sie. »Wie im Kinderferienlager, was?«
»Mhm.« Ewa nickte. »Das habe ich auch gerade gedacht.«
»Hast du bemerkt, wie sauber es hier überall ist? Alle Straßen aufgeräumt, wie vor einem großen Fest.«
»Ja. Hier überlegst du es dir zweimal, ob du eine Apfelkitsch auf die Straße wirfst.«
»Und dann packst du sie ein, he, he!«
Mira lachte kurz und begann, ihre Reisetasche auszupacken. Viel hatte sie nicht mitgenommen.
Danach nahm sie ihr Handy und schrieb ein paar Worte an die Mutter, um ihr mitzuteilen, dass sie gut angekommen war. Sie schickte auch ein paar Küsschen an Julka. Sie war erst sechs Jahre alt und verstand nicht, warum ihre Mutter so weit und für eine lange Zeit verreisen musste. Mira zog sich der Magen zusammen, als sie an ihre Tochter dachte. Die Kleine hatte so furchtbar geweint, dass Mira am liebsten die Reise abgesagt hätte. Andererseits hatte sie die Arbeit an der weiten Mosel auch für ihr Töchterchen auf sich genommen.
Mira sah aus dem Fenster auf die Straße, die jetzt wieder menschenleer vor ihr lag. Saßen all die Bewohner an ihren Frühstückstischen? Miras Magen knurrte. Auch sie hätte jetzt nichts gegen eine Tasse Kaffee und eine Scheibe Brot.
Plötzlich erschien jemand in ihrem Sichtfeld, zunächst als ein langer schmaler Schatten. Dann tauchte die Gestalt auf, die ihn warf: eine alte hagere Frau. Sie ging langsam, als überlegte sie bei jedem Schritt, wo sie treten und wohin sie ihren Weg fortsetzen sollte – und konnte sich nicht entscheiden. Vor dem Haus der Hausers blieb sie stehen und sah auf. Miras und ihr Blick trafen aufeinander. Ausgeblichenes Blau, heller als der Himmel, schoss es Mira durch den Kopf. Die Augen der Alten wirkten, als wäre sie blind. Trotzdem schienen sie Mira aufmerksam zu betrachten. Plötzlich schüttelte die Frau den Kopf und nahm ihren Gang wieder auf. Diese Begegnung der Blicke war so surreal, dass Mira ein Schauer über den Rücken lief. War das etwa wieder ein Zeichen? Wenn ja, wofür stand es? Sie wehrte sich immer dagegen, an Vorzeichen zu glauben, das war ja nur Aberglaube, Unsinn. Doch jetzt – jetzt empfand sie es anders. Sie war weg von der Heimat, der schützenden Familie. Was mochte ihr hier alles begegnen?

 

 

 

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