Literatur und Sachbuch
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»Heidelbeerfrau« Marion Bischoff

1. Schrei, mein Junge!

Montag, 20. August 1945

In der untergehenden Sonne wirkten die Schatten der Bäume wie Monster, die nur darauf warteten, Elise zu verschlingen. Sie trat schneller in die Pedale des klapprigen Herrenrades, das sie auf Ferdinands Hof gefunden und in ihren Besitz genommen hatte.
»Ruhig, mein Kleiner. Nicht weinen.« Das vorherige ohrenbetäubende Brüllen ihres Kindes war in ein leises Wimmern übergegangen.
Seit Stunden trug sie Reinhard nun schon in einem Tuch vor ihre Brust gebunden. Wie so oft hatte sie ihn zur Hamsterfahrt mitgenommen. Mit einem kleinen Wesen wie ihrem vier Monate alten Sohn erregte man das Mitleid der Großbauern in der Vorderpfalz, das stellte sie immer wieder fest. Aber heute hatte sie keine Milch für ihn bekommen können und das mitgebrachte Fläschchen hatte er schon zu Mittag leergetrunken. Ihren Finger konnte sie ihm unterwegs auch nicht reichen, um daran zu nuckeln und sich auf diese Weise zu beruhigen.
»Wir müssen nach Hause, mein Schatz.« Wieder einmal machte sie sich Vorwürfe, dass sie ihren Sohn nicht stillen konnte. So sehr sie sich auch bemüht hatte, es war ihr einfach keine Milch eingeschossen.
Sie verzog das Gesicht, als sie daran dachte, was Mutters Freundin Anneliese zusammenfantasiert hatte: Dies sei eindeutig Gottes Strafe für ihr unstetes Leben. Die Mutter hatte Elises fehlende Milch damit begründet, dass sie nichts mehr zuzusetzen hätte. Und das hörte sich viel plausibler an. Dabei hatten sie so sehr gehofft, mit der Bewirtschaftung von Ferdinands Hof endlich genügend zu ernten, um die ganze Familie satt zu bekommen. Doch nicht nur das fehlende Saatgut hatte eine gute Ernte verhindert. Von dem wenigen, was sie anpflanzen konnten, war kaum etwas gediehen in all dem Regenwetter und den lange Zeit so kühlen Temperaturen. Nur die vier Kühe in Ferdinands Stall gaben wenigstens Milch. So bot sie ihrem Sohn zunächst mit Wasser verdünnte Kuhmilch zu trinken. Je älter er wurde, umso seltener fügte sie Wasser hinzu.
»Ach, Reinhardchen«, murmelte sie und sah sich nach den Besatzern um, die überall Wache hielten. Bald würde die Abenddämmerung hereinbrechen und dann wollte sie erst recht keinem dieser Männer mehr gegenüberstehen. Vor allem nicht, weil der letzte, dem sie begegnet war, ihr einen Teil der wenigen Kartoffeln weggenommen hatte. Beim Gedanken an sein hämisches Grinsen stieg Wut in ihr auf. All die Mühe, die von ihr gefertigten und eingetauschten Schuhe, der weite Weg auf dem Rad, waren fast umsonst gewesen.
Das Grauen hatte begonnen, als die Franzosen die Besatzungszone von den Amerikanern übernommen hatten. Die Amis waren ganz anders gewesen. Freundlicher. Ihrem kleinen Bruder hatten sie sogar Schokolade geschenkt. So etwas wäre von den Franzosen, die den besiegten Deutschen unverhohlene Verachtung entgegenbrachten, niemals zu erwarten.

Ihre Oberschenkel brannten. Immer wieder sah sie suchend in den Wald, doch bis jetzt konnte sie keinen Uniformierten ausmachen. Vielleicht komme ich ungesehen durch, feuerte sie sich selbst an. Gleich würde sie die Grenze zwischen der amerikanischen und der französischen Besatzungszone erreichen. Es muss einfach klappen, dass ich es unbehelligt nach Hause schaffe, sprach sie sich Mut zu. Hoffnungsvolle Gedanken jagten abwechselnd mit der Angst durch ihren Kopf. Ihre Schultern schmerzten, so verkrampft saß sie auf dem Drahtesel. Dass Reinhard nicht aufhörte zu schreien, machte die Sache nicht besser. Sie hatte fast den Scheitelpunkt des sandigen Weges erreicht, in den ihre Fahrradreifen immer wieder einsanken, da entdeckte sie den Wachsoldaten. Er stand an einen Baum gelehnt. Neben ihm sein Gewehr. Bitte nicht, dachte sie und hoffte gleichzeitig, er würde sie durchwinken. Vielleicht, wenn Reinhard noch ein wenig lauter schrie? Sie fixierte den Franzosen und fuhr ihm langsam entgegen.
Er hob die Hand und gab ihr ein Zeichen, anzuhalten. Elise bremste, stieg vom Fahrrad und schob es auf den Mann zu. Die Prozedur kannte sie von ihren vielen Hamsterfahrten der vergangenen Monate und doch schlug ihr Herz noch schneller, als sie dem Kontrolleur gegenüberstand.
Seine Mütze verriet, dass er Franzose war. Er zog das Fahrrad zu sich heran und inspizierte den Korb auf dem Gepäckträger.
Mit zitternden Händen streichelte Elise über das kleine Bündel mit dem Kind. Reinhards Stimmchen wurde sofort leiser. Ihr Blut pulsierte spürbar und sie wusste nicht, ob ihre Erregung von der Anstrengung, dem weinenden Reinhard oder ihrer Angst ausgelöst wurde.
Argwöhnisch beobachtete sie jede Bewegung des Soldaten. Zuerst nahm er die spitze Papiertüte mit Mehl, dann die wenigen Kartoffeln und die schrumpeligen Rüben aus ihrem Korb. Als er nach dem fettfleckigen Papier griff, in dem das Stückchen Speck eingewickelt war, das sie ergattert hatte, verkrampften sich ihre Hände. Grinsend öffnete er das Papier, roch an dem Fleisch und schloss genießerisch die Augen.
»Bitte nicht den Speck«, flehte Elise leise.
Der Soldat beachtete sie nicht, zog ein Messer aus seiner Uniformhose und setzte es am dünnen Fettrand an. Geschickt schnitt er eine Ecke davon ab und schob es sich in den Mund.
Elise zog die Augenbrauen zusammen. Es war so schwierig gewesen, dieses Stückchen Speck zu bekommen. Das wollte sie nicht kampflos dem Wachmann überlassen. Kurzentschlossen zwickte sie ihrem Sohn in die Wange und im gleichen Augenblick brüllte der Kleine laut auf. Erschrocken sah der Soldat zu ihr herüber. Schnell legte er alles zurück in den Korb, nickte ihr zu und schob das Rad in ihre Richtung.

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