Literatur und Sachbuch
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»Der Tod ist nicht allein zum Sterben da« Maddalena Webber

 


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Wer entscheidet eigentlich, was passiert? Was wann wo wie und warum passiert? Heute, morgen, gestern?
»Die meisten Menschen kennen nur eine einzige Welt. Ihr seid anders. Ihr wollt anders sein. Ihr wollt neue, andere Welten erschaffen. Sehen, ahnen, wissen, entscheiden, was wirklich ist.« Unser Professor, der uns diese Sätze mindestens einmal pro Semester verkündete, war kein Schöngeist, er kam aus der Praxis und wollte uns das Leben lehren. Einer der großen alten Männer der Werbung.
Und so zogen wir, zog ich nach der Uni in die Welt, als wäre alles möglich. Natürlich vergaßen wir allzu gerne den Nachsatz dieses großen alten Werbers: »Glauben Sie nun bloß nicht, meine Damen und Herren, dass Sie mit dem, was Sie erschaffen, göttlich wären. Wer solche Götzenbilder aufstellt, in sich und um sich herum, wird irgendwann unter ihnen begraben. Und wenn Sie mir nicht glauben wollen, dann lesen Sie die Bibel. Nutzen Sie Ihre Gabe, genießen Sie Ihre Talente, seien Sie mutig und kreativ, aber bleiben Sie, was Sie sind – Menschen!«
An diesem Tag hatte ich weder gewusst noch geahnt, was passieren würde. Ich wusste nur, ich hätte einen Umweg genommen, wie so oft in meinem Leben, ich wäre zehn Minuten später gekommen, hätte eine andere Wirklichkeit erfunden. Ja, ich hätte nach einer anderen Wirklichkeit verlangt. Das war mein Job als Kreative, die Welt nach meinen Wünschen zu drehen, richtiger: nach den Wünschen unserer Kunden.
Wer sagte eigentlich die ganze Zeit, ich solle nun endlich aufwachen? War es etwa immer noch dieser smarte Professor, der mal wieder halb im Spaß, halb im Ernst ein fröhliches ›Aufwachen, meine Damen und Herren!‹ zur Begrüßung seiner Studenten in die Runde gerufen hatte?!
Ich hatte keine Ahnung, was los war, aber ich spürte, dass etwas nicht stimmte. Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart wollten sich nicht fügen, verloren jede Reihenfolge. Alles passierte irgendwie gleichzeitig. Die Stimme ließ nicht locker, langsam merkte ich, es war nicht die des Professors, nicht fröhlich, es war meine innere Stimme, lauter und lauter werdend, als wolle sie nicht überhört werden.
Ich hatte ein besonderes Verhältnis zu meiner inneren Stimme. Wie die meisten Kreativen. Sie wusste stets, ob und wann eine Idee nur gut oder perfekt war oder was noch fehlte. Ich konnte ihr bedingungslos vertrauen, zumindest in meinem Job. Sie weckte mich nachts aus dem tiefsten Traum und zeigte mir die Lösung für ein Problem, für das ich tagelang eine Lösung gesucht hatte. Ja, ich konnte mich blind auf sie verlassen. Sie war gut trainiert, mit jeder Kampagne, mit jeder neuen Aufgabe war sie klarer geworden, so wie andere im Fitnessstudio ihre Muskeln stählen. Sie war hellwach, auch wenn ich mit anderen Dingen beschäftigt war, überbeschäftigt.
Meine innere Stimme sagte mir, bevor ich die Augen aufschlug, dass das, was gerade war, nicht gut war und schon gar nicht perfekt. Und dass ich endlich die Augen öffnen sollte.
Aber ich weigerte mich. Ein seltsames, sehr viel tieferes Gefühl hielt mich zurück: Angst. Nackte Angst. So als hätte ich, ohne es zu wollen und zu bemerken, hinter alle Spiegel geschaut, alle Vorstellungen und Verstellungen, Glaubenssätze und Konzepte durchschaut, als hätte ich die falsche Zeitebene im Paternoster meines Lebens gewählt.
Ich fühlte mich wie die Menschen nach der Entdeckung von Amerika. Alle wussten plötzlich, die Erde war keine Scheibe. Alles, woran sie geglaubt hatten stürzte über ihnen zusammen. Ich hatte mich mächtig gefühlt, nun lernte ich Ohnmacht kennen und wie viele Falltüren zwischen ihr und meinem alten Leben lagen.
Ein großer Schmerz öffnete die erste Falltür. Ich erinnerte mich an einen Schlag, der meinen Kopf getroffen hatte. Ich spürte noch einmal die unglaubliche Wucht des Schlags, als passierte er in diesem Moment, sah, wie mein Körper stürzte, wie sich die Wirklichkeit, wie sich meine Umgebung, alle Erinnerungen und Pläne in flimmernde Punkte auflösten.
Der Schmerz öffnete auch die zweite Falltür. Ich öffnete für ein, zwei Sekunden meine Augen. Ich sah mich in meinem Haus liegen, das kalt war wie ein Mausoleum, so kalt wie die Grabkapelle auf dem Württemberg, zudem die Stuttgarter zusammen mit vielen Touristen so gerne pilgern. Selbst im Sommer spürte man dort die Kälte des Todes. Ein württembergischer König hatte sie für seine verstorbene Frau errichtet. Als der Schrank neben mir bedrohlich näher kam und von links nach rechts schaukelte wie ein Schaukelpferd auf der Kirmes, führte ich meine Hand zu den Augen, als wollte ich sie schützen, und zuckte unter dieser leisen Berührung zusammen. Niemand, kein Professor hatte mir je gesagt, wie man einem solchen Schmerz entkommen könnte.
Ich hielt reflexartig die Luft an, als könne dies etwas bewirken. Irgendwer in mir begann zu denken. Wäre ich tot, ich würde nichts mehr fühlen. Was im Umkehrschluss bedeutete, ich war wenigstens am Leben.
Das war nicht mein Zuhause, in dem ich lag, das konnte nicht mein Zuhause sein! Es war alles so anders, so wie in der Grabkapelle auf dem Württemberg: unsäglich kalt und unsäglich still. Es fehlte jedes Geräusch. Eine Stille, die sich wie ein Totenhemd über mich legte. Ich lauschte in die Stille, sie war quälend.
Wo war der Faden der Ariadne, der mich durch das Labyrinth von Schmerz und Angst, von bruchstückhaften Fetzen und aufdämmernden Ahnungen führen würde? Niemand hatte mich gewarnt, keine innere Stimme hatte gesagt, bleibe weg, fahr nicht nach Hause, nicht jetzt! Hatte ich sie überhört, weil ich gefangen war in tausend Gedanken, unüberlegten Überlegungen und den wirren Konstruktionen des Verstandes?
Ich hatte niemanden, dem ich in dieser Sekunde die Verantwortung für mich übergeben konnte. Ich musste die Puzzleteile selbst zusammensuchen und die letzten Falltüren öffnen.
Ich war allein.
Allein?
Das Wort nahm eine gefährliche Dimension an. Mein Gedächtnis katapultierte ein Wissen nach oben, das mich entsetzte.
Ich war nicht allein gewesen.
Ich hatte Margot schreien gehört. Ihr Schrei hallte noch in meinem Kopf. Gellte.
»MARI!!«

 

 

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