Literatur und Sachbuch
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»Süden« Hubertus Becker

 

 

1.1 Grüner Marokkaner

 

An einem verregneten Sonntagmorgen im April des Jahres 1974 saßen Walter, Emilio und ich in unserer Wohnung in München beim Frühstück. Walter hatte am Vortag der Delikatessen-Abteilung bei Dallmayr einen Besuch abgestattet und diverse Leckereien mitgebracht: mit Krabben gefüllte Avocados, griechische Oliven, Erdbeeren mit Sahne. Ein wenig angespannt saß Christina auf der Sofakante und nippte an ihrem Tee. Seit sie mitbekommen hatte, dass die unterste Schublade der alten Bauerntruhe randvoll mit Haschisch gefüllt war, fühlte sie sich sichtlich unwohl bei uns.
Drei Tage zuvor hatte ich die attraktive Christina in einem Nachtclub in Torremolinos kennengelernt. Wir hatten die halbe Nacht durchtanzt und als ich ihr am Morgen anbot, mit mir nach München zu kommen, hatte sie nicht lange überlegt. Die spanisch-französische Grenze überschritt sie als Fußgängerin, eine überflüssige Vorsichtsmaßnahme, wie sich herausstellte: Als dunkelhäutige Frau mit englischem Pass erregte sie zu Fuß nämlich mehr Misstrauen bei den Zöllnern als ich in meiner Citroen-Limousine. Außer Sichtweite des Grenzpostens von Le Perthus hielt ich an, und es dauerte fast eine Stunde, bis Christina endlich auftauchte. Um ihr das eigenwillige Prozedere bei der Einreise plausibel zu erklären, musste ich gestehen, dass im Wagen ein Zentner Haschisch versteckt war und dass ich ihr im Falle einer Entdeckung Schwierigkeiten hätte ersparen wollen. Schließlich waren die Franzosen auch damals schon fanatische Antidrogenkrieger, eingesoffene Alkoholiker, die uns Haschrauchern mit allen Mitteln den Spaß am Kiffen zu vermiesen trachteten. Zudem war mir zu Ohren gekommen, dass französische Richter schon mal zehn Jahre Knast austeilten, wenn sie einen Schmuggler überführt hatten.
Seit Christina also wusste, dass ich nicht der konventionelle Tourist war, für den sie mich anfangs gehalten hatte, sondern dass ich in illegalen Geschäften unterwegs war, war es mit der unbeschwerten Fröhlichkeit vorbei, mit der sie mir bis dahin die Reise durch Spanien erheitert hatte.
Dieses Gefühl der Anspannung hatte sich auch zwei Tage später noch nicht gelegt, als wir zusammen frühstückten. Christina hatte von dem Schnupperkurs ins Ganovenmilieu die Nase voll und mich am Morgen gebeten, sie zum Flughafen zu bringen. Walter und Emilio besprachen gerade, wie der Verkauf der Ware am besten zu organisieren sei, als es an der Haustür klingelte.
Walter warf mir einen fragenden Blick zu und flüsterte: »Erwartest du jemanden?«
»Nicht, dass ich wüsste. Schau halt mal nach.«
Auf leisen Sohlen, wie es seine Art war, schlich er zur Tür und spähte durch den Spion. Was er dort sah, versetzte ihn in helle Aufregung.
»Die Bullen!«, flüsterte er aufgeregt. »Zwei Kerle in dunklen Lederjacken. Hundert Prozent die Bullen.«
Walter war ein Jahr zuvor bei der Bundeswehr getürmt und wurde seither als fahnenflüchtig gesucht. Sein Name stand auf der Fahndungsliste. Will heißen, er hatte es sich angewöhnt, umsichtig zu sein und im Laufe der Zeit ein Gespür dafür entwickelt, Polizisten in Zivil zu erkennen und ihnen aus dem Weg zu gehen.
Erneut schlug im Flur der Gong, diesmal ungeduldiger, dreimal in Folge. Kein Zweifel, so anmaßend klingeln bloß Polizisten. Wir hatten keine Zeit zu verlieren. Emilio sprang auf und war im Nu bei unserem antiken Ofen, einem hundert Jahre alten Schmuckstück, das eigentlich dazu diente, den Raum zu verzieren. Der Ofen verfügte über drei Klappen: Durch die untere war einmal die Asche entsorgt worden, die mittlere war zum Befeuern da und in der oberen war Platz für einen Topf. Irgendwann hatte Walter entdeckt, dass sich der Ofen hervorragend als Waffenschrank eignete, und fortan hatte er seine Kanonen dort deponiert. Vier Revolver und zwei Pistolen, allesamt illegal, allesamt geladen. Walter schnappte sich einen Trommelrevolver, Emilio warf mir eine Beretta zu, er selbst entschied sich für eine 38er Smith & Wesson.
Walter gab flüsternd Anweisungen: »Emil, du postierst dich hinter der Küchentür. Ich erwarte sie im Flur und du, Harry, holst sie in die Wohnung rein. Anschließend fesseln wir sie im Bad an die Armaturen, packen den Shit ein und verschwinden. Los jetzt, jeder auf seinen Posten! Lass sie rein, Harry!«*
Es klingelte erneut. Mir blieb keine Zeit zum Nachdenken. Fest stand, dass wir 50 Kilo Haschisch im Haus hatten und dass zwei Polizisten vor der Haustür standen und Sturm läuteten. Fest stand außerdem, dass wir uns nicht kampflos ergeben wollten. Dann ging alles sehr schnell. Ich entsicherte die Pistole, ging zur Haustür und drückte die Klinke nach unten.

Aber gemach, ich will nicht vorgreifen. Die Geschichte beginnt schließlich mit Lothars Anruf im September 1973, wenige Tage, nachdem Salvador Allende unter Mithilfe der CIA ermordet worden war. Es war die Zeit, als Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Andreas Baader im Knast auf den Prozess warteten. Es war das Jahr, in dem die Politganoven Kissinger und Le Duc Tho den Friedensnobelpreis bekamen, und es war das Jahr, in dem ein amerikanischer Schriftsteller namens Thomas Pynchon bei seinem Verleger einen Roman mit dem Titel Gravity’s Rainbow ablieferte, um anschließend für zwanzig Jahre abzutauchen.
Lothar wollte mir ein Geschäft vorschlagen. Details wollte er am Telefon nicht besprechen. Es handle sich um ein lukratives Geschäft. Ich packte also ein paar Sachen, setzte mich ins Auto und fuhr vom Hunsrück aus nach München, wo mein Kumpel in einem kleinen Apartment im Olympiadorf wohnte.
Als ich spät am Abend ankam, war er nicht daheim. »Bin im Tiff«, stand auf einem Zettel an der Tür. Das Tiffany an der Münchener Freiheit war damals einer der angesagten Clubs in der Stadt. Ich fuhr hin und fand Lothar auf der Tanzfläche. George, der Diskjockey, legte gerade »Take A Walk On The Wild Side« auf, als mein Kumpel mich entdeckte. Wir begrüßten uns und setzten uns an einen Tisch. Paolo, einer der Kellner, brachte mir ein Glas, und Lothar füllte es mit Champagner. Dann kam er zur Sache: Er bot mir an, bei einem Haschisch-Schmuggel von Marokko nach Deutschland mitzumachen. Ich sollte den Wagen fahren.
Lothar Regler war damals einundzwanzig, stammte wie ich aus einer kleinbürgerlichen Familie und hatte keinen Beruf erlernt. Seit fünf Jahren lebte er in München, schlug sich eher schlecht als recht durchs Großstadtleben und verdiente sich zuweilen ein paar Mark als Aushilfs-Discjockey im Drugstore. Die Aussicht, erstmals selbst bei einem Haschisch-Transport mitzuwirken, gefiel ihm. Sein Kapital waren seine Kontakte: Sein Freund Walter hatte das Know-how und die Verbindung nach Marokko und mit mir hoffte er einen Fahrer gefunden zu haben, der bereit wäre, das Risiko auf sich zu nehmen, den Wagen über die Grenzen zu steuern. An diesem Abend sprachen wir nur kurz über das anstehende Unternehmen. Bei der Besprechung der Details musste Walter dabei sein, der zuvor schon in Marokko gewesen war und die logistischen Erfordernisse kannte. Mit ihm waren wir am nächsten Tag in einem Schwabinger Café verabredet.
Walter erschien pünktlich. Er trug modische Stiefel, eine gut geschnittene Jeans, weißes T-Shirt und darüber ein Lederblouson. Am auffälligsten war jedoch sein entwaffnendes Lächeln, das in Verbindung mit den halblangen dunkelblonden Haaren und den blauen Augen den Charme ausmachte, der ihn auszeichnete. Ich mochte ihn auf Anhieb. Nachdem wir gefrühstückt hatten, skizzierte er, wie er sich das Ganze vorstellte. Die Reise sollte maximal zwei Wochen dauern, ein geeignetes Schmuggelfahrzeug musste allerdings erst noch gefunden werden, und was die Finanzierung anging, so musste Walter einräumen, dass er gerade mal 2.500 Mark besaß, ein Kapital, das bei seinem großzügigen Lebensstil mit jedem Tag dahin schmolz. Allein für das Frühstück waren am Ende 50 Mark fällig, in meinen Augen eine gigantische Prasserei. Bei normalem Geschäftskalkül als Maßstab hätte ich aufstehen müssen: … und habe die Ehre. Unterdessen war ich jedoch von dem Plan so infiziert, dass ich zusagte, sowohl das Auto zu besorgen als auch die veranschlagte Summe für die Spesen zu beschaffen. Und weil jeder Tag Geld kostete, war keine Zeit zu verlieren. Zwei Tage später hatte ich einen Kredithai gefunden, der mir gegen Hinterlegen einer Sicherheit (ich musste mein neues Auto verpfänden) ein Darlehen von 5.000 Mark bewilligte. Bei einem Autoverleih mietete ich gegen eine Kaution von 1.000 Mark einen VW-Variant, den ich spätestens in zwei Wochen zurückgeben sollte. Abgerechnet wurde nach Kilometern, und weil wir auf der Reise nach Marokko mehr als 7.000 Kilometer zurücklegen würden, klemmte Walter als erstes die Tachowelle ab. In technischen Dingen kannte er sich offenbar aus.

 

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