Literatur und Sachbuch
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»Schattenkinder« Marcel Bauer

Auftakt

 

Obwohl er die Nase fest ans Fensterglas der Straßenbahn drückte, um zu erkennen, was da draußen vor sich geht, nahm ­Joshua nur fliehende Schatten wahr. Obwohl er mehrmals mit dem Ärmel den Dunst abwischte, den sein Atem verursacht hatte, blieb die Scheibe beschlagen.
Joshua war früh am Morgen aufgebrochen, weil er mittags in Stoumont sein wollte. Die Kleinbahn mit der Nummer 17 hatte nur wenige Fahrgäste und rumpelte durch menschenleere Straßen. Die Straßenbahnen waren erst seit einigen Wochen wieder in Betrieb. Seitdem die Amerikaner eine Notbrücke über die Ourthe geschlagen hatten, war es vom Rathaus in Seraing bis zum Bahnhof Guillemins in Lüttich mit der Straßenbahn nur noch ein Katzensprung.

Zum ersten Mal in seinem Leben war Joshua alleine unterwegs: Es war eine Fahrt in eine Vergangenheit, die teils düster und tragisch, teils unbeschwert und aufregend gewesen war.
Die Reise ging in ein kleines Kaff in den Ardennen, das ihm ans Herz gewachsen war. In dem abgelegenen Dörfchen Stoumont gab es die Ferienkolonie »Au grand Air«, in der er einige Jahre als Schattenkind gelebt hatte. »Schattenkinder«, so hießen die »unsichtbaren« Kinder, die den Krieg und die deutsche Besatzung mit einer geborgten Identität überlebt hatten. Joshua hatte den Namen Pierre angenommen, wurde aber in der Kolonie Pierrot gerufen.
Während des Krieges gab es in den Ardennen viele solcher Ferienlager. Sie waren ursprünglich als Sommercamps für Kinder in Notlagen vorgesehen, aber als der Bombenkrieg zunahm und die Versorgungslage in den Städten immer kritischer wurde, wurden aus Provisorien häufig dauerhafte Einrichtungen. Wenn jemand Joshua fragte, was das für eine Einrichtung gewesen sei, konnte er keine genaue Auskunft geben, denn es war eine Mischung aus Kinderheim, Jugendherberge und Internat.
Bei der Befreiung Belgiens waren die Brüder Rozenberg zu ihrer Mutter, die als Magd auf einem Bauernhof überlebt hatte, heimgekehrt. In Stoumont waren nur jene Kinder zurückgeblieben, deren Eltern umgekommen oder verschollen waren, oder die keine andere Bleibe hatten.

Die Erinnerungen an die Jahre, die Joshua gemeinsam mit seinem Bruder Mendel in der Kolonie verbracht hatte, waren ihm nicht unangenehm. Es kam ihm vor, als habe er an einem verlängerten Ferienlager teilgenommen, das erst mit der Befreiung des Landes im letzten September zu Ende gegangen war.
Eigentlich war dieses Kapitel seines Lebens abgeschlossen. Aber am Vorabend des Sabbats hatte ihn Marcel Stenne, der Pfarrer von Stoumont, telefonisch über die Gastwirtschaft »Zum Wagemutigen Vogelfänger« in der Rue du Bœuf kontaktiert. Die Kneipe war eine der wenigen Adressen in Joshuas Nachbarschaft, die über einen Telefonanschluss verfügte.
Der Abbé hatte ihn gebeten, über Weihnachten nach Stoumont zu kommen, um in der Pfarrei auszuhelfen. Er benötige ihn als Ministranten und als Sänger im Kirchenchor. Zusammen mit seinem Freund Arnaud, der noch in der Kolonie war, solle er in der Mitternachtsmesse als Solist auftreten. Der Abbé hatte gemeint, es wäre sinnvoll, wenn er ein paar Tage früher käme, um an den Proben teilzunehmen.

Seine Mutter war über Joshuas Absicht, unverzüglich aufzubrechen, nicht sonderlich erbaut. Sie hätte es lieber gesehen, er hätte das Ende des Lichterfestes abgewartet. Gestern hatten sie erst die vierte Kerze des Siebenarmigen Leuchters entzündet. Außerdem würde Joshua in wenigen Tagen seinen dreizehnten Geburtstag feiern. Das war im Leben jedes jüdischen Jungen ein großer Tag, denn an diesem Tag würde er nach dem Gesetz Mose mündig und ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde.
Aber Joshua hatte sich nicht umstimmen lassen, und da sein Bruder keine Lust gezeigt hatte, ihn zu begleiten, war er alleine aufgebrochen. Er brauchte nicht lange zu überlegen. Zu groß schien ihm die Bringschuld dem Abbé gegenüber. Wenn Joshua über die Zeit in der Kolonie und den Abbé Stenne nachdachte, fiel ihm das Bild von einem Ast mit vielen Blättern ein. Über all die Jahre hatten er und die anderen Jungen sich wie die Blätter eines Baumes an diesem Ast festhalten können, auch wenn es draußen wehte und stürmte. Der Abbé hatte ihnen immer Halt und Zuversicht gegeben.

Nachdem Joshua sich vergewissert hatte, dass ihn in der Straßenbahn, die nur schwach besetzt war, niemand beobachtete, holte er seinen Stoffhasen aus dem Rucksack hervor. Das Häschen hatte ein hellblaues Fell. Seine Nase war flach, und die hellen Glasaugen, die bei jedem Lichtstrahl aufblitzten und funkelten, gaben ihm ein verschmitztes Aussehen. Besonders drollig war das Schwänzchen, das in der Hasensprache Blume hieß. So lange Joshua zurückdenken konnte, war der Plüschhase sein ständiger Begleiter. Als kleines Kind hatte er ihm den Namen Roro gegeben, weil er so selig wie ein Kater schnurren konnte, wenn er schlief.
Das Häschen war ziemlich abgenutzt und in die Jahre gekommen. Sein Fell war nicht mehr so flauschig wie ehedem, seine Gliedmaßen und Schlappohren waren abgegriffen. Da es im Dezember in den Ardennen kalt ist, hatte er ihm den Pullover angezogen, den seine Mutter ihm gestrickt hatte. Er hatte auch ein Säckchen dabei, in das er ihn stecken konnte, um ihn überall unbemerkt mitnehmen zu können.

Joshua setzte Roro auf den Fensterrand, damit er sich recken und strecken konnte. Der Hase war erfreut gewesen, als er erfahren hatte, dass sie für ein paar Tage dem Schmuddelwetter und dem Smog, der um diese Jahreszeit immer in Seraing herrschte, entfliehen würden, um in den Ardennen frische Luft zu atmen.
Joshua hatte den kleinen Kerl immer dabei. Er war sein Vertrauter und Ratgeber in allen Lebenslagen. Da Joshua wusste, dass viele Menschen es für lächerlich hielten, dass ein großer Junge noch ein Schmusetier brauchte, hielt er ihn vor fremden Augen verborgen. Nur seine Eltern, der Bruder und sein Freund Arnaud wussten von seiner Existenz.
Der Hase war nicht bei allen wohl gelitten. Mendel lästerte gerne, es handele sich nicht um einen Feld- sondern um einen Stallhasen und sprach abfällig von einem Karnickel. Wegen Roro musste Joshua viel Spott und Häme ertragen. Für einen jüdischen Jungen war ein Hase als Kuscheltier insofern ungewöhnlich, weil Hasen bei den Israeliten als unreine Tier gelten und deshalb noch nicht einmal wert waren, in den Kochtopf zu wandern.

Die Mutter, die ihrem Sohn den Plüschhasen zu seinem dritten Geburtstag geschenkt hatte, hatte eine dunkle Ahnung, dass irgendwann irgendetwas Schlimmes passiert sein musste, um die beiden Spielkameraden so eng aneinander zu schweißen. Aber was es war, konnte sie nie herausfinden.
Tatsächlich war der Beginn ihrer unverbrüchlichen Freundschaft ein Ereignis gewesen, das Joshua traumatisiert hatte. Er zählte vielleicht vier oder fünf Jahre. Die Rozenbergs lebten damals noch im polnischen Lodz. Joshua glaubte sich zu erinnern, dass seine Eltern zu einer Hochzeit oder einem Familienfest eingeladen worden waren. Während sie seinen älteren Bruder mitnahmen, ließen sie ihn in die Obhut einer Bekannten zurück. Als die Eltern zur verabredeten Uhrzeit nicht zurückkamen und sich auch Stunden später noch nicht blicken ließen, hatte die Nachbarin ihn einfach vor die Tür des Elternhauses abgesetzt.
Als Joshua mutterseelenallein vor der verschlossen Türe seines Elternhauses hockte, hatte er den Eindruck, von allen verlassen zu sein. Er kam sich vor wie eine überflüssige Bestellung, wie ein Paket, das falsch zugestellt, nicht abgeholt und bei den Remittenden gelandet war. In ihm stieg ein dumpfes Gefühl von Verrat und Untreue auf, denn er hatte mitbekommen, dass seine Eltern Auswanderungspläne schmiedeten. Teile ihres Hausstandes hatten sie schon veräußert. Darum dachte er, dass das mit der Hochzeit nur ein Vorwand, ein Trick, eine Finte gewesen waren, um ihn loszuwerden.
Er war so verzweifelt, dass er noch nicht einmal fähig war zu weinen. Lediglich aufschluchzen konnte er hin und wieder. Er konnte es den Eltern nicht einmal verdenken, dass sie ihn abgeschrieben und alleine zurückgelassen hatten, denn selbst in seinen Augen war Mendel der bessere Sohn.
Wie es sich gehörte, trug Mendel als Stammhalter den Vornamen ihres Großvaters. Zeitlebens hatte Joshua ihn beneidet. Sein Bruder war klüger als er und, wie er meinte, auch hübscher. Mendel hatte von seiner Mutter eine helle Haut und glattes Haar geerbt, sodass er nirgendwo auffiel, während er selber eher nach dem Vater geraten war und sich wegen seiner dunklen Haut und seinem lockigen Haar schämte. Er glaubte, dass jeder, der ihn sah, sofort eine jüdische Herkunft erkennen müsse.
Joshua rechnete damals nicht damit, die Eltern und den Bruder jemals wiederzusehen. Er würde sich zukünftig alleine durchs Leben schlagen müssen. Besonders schmerzte ihn der Verlust der Mutter. Nur Roro war ihm geblieben. In der Stunde der Ungewissheit über ihr künftiges Schicksal hatten sie sich ewige Treue geschworen. Von diesem Tag an war der Hase für Joshua unersetzlich, denn er war bei ihm geblieben, als alle anderen ihn verließen.
Immer wenn Joshua an diese schlimme Erfahrung denken musste, spürte er in der Brust einen undefinierbaren Schmerz. Ansonsten hatte er kaum Erinnerungen an seine frühe Kindheit.

 


 

 

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