Literatur und Sachbuch
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»Maddeläne« Madeleine Bantleon

JANUAR

1 – Der Dachboden der Maddeläne Ndongo-Schulze

 

Ein Berliner Mietshaus. Das Treppenhaus liegt im Halbdunkel. Klack! Die Treppenbeleuchtung geht an, ein leises Ticken, in zwei Minuten wird das Licht wieder ausgehen, so lange dauert es bis man im vierten Stock angelangt ist. Schritte steigen die Treppen hoch. Eine Frau, nicht jung, nicht alt, bepackt mit Handtasche, Einkaufstüten, Schal, Mantel, Stiefel. Sie ist froh oben angekommen zu sein.
Ein Fußabtreter liegt vor der dunkelblauen Wohnungstür: »TRITT EIN – BRING GLÜCK HEREIN«.
Den Schlüssel hält die Frau schon in der Hand. An die Tür haben Kinderhände ein gemaltes Bild geklebt: »Hier wohnen wir!« Eine vierköpfige Familie ist zu sehen. Rechts außen die Mama, mit langen Haaren, Rock und Absatzschuhen, an der Hand hält sie ein Mädchen mit Zöpfen, dieses hält wiederum ihren kleinen Bruder an der Hand. Er hat einen Lockenkopf, eine Sprechblase kommt aus seinem Mund mit einem Gruß: »HALLO!« Der Junge hält die Hand seines Papas, das hat der kleine Künstler auch darüber geschrieben. Von links nach rechts: PAPA, IBA, MARIE, MAMA. Der Papa lacht mit weißen Zähnen aus einem dunkelbraunen Gesicht, er trägt Jeans und ein buntes Hemd, hellbraun sind die Kinder, Mamas Gesicht ist rosa, ihre Haare sind gelb gemalt.
Auf dem goldenen Klingelschild steht: »Ndongo«, ein Bindestrich, dann »Schulze«.

Die Frau steht immer noch vor der Tür. Tack! Das Licht geht aus. Die Frau wartet, bis sich ihre Augen an das Halbdunkel gewöhnt haben. Kinderstimmen hinter der Tür. Leise, sehr leise, im Dunkeln, steigt die Frau mit allen Tüten noch eine Treppe höher, vorsichtig dreht sich ein Schlüssel im Schloss. Die Taschen werden auf den Boden gestellt. Ein Feuerzeug geht an – dann erhellt eine bunte Lichterkette den Dachboden. Wäsche hängt auf der Leine, ein vertrockneter Tannenbaum steht in einem Topf, ein alter Ohrensessel, ein Wasserkocher, Wasserflaschen, Instant-Zitronentee, eine Tasse, ein Löffel. Die Frau dreht den Schlüssel im Schloss einmal rum, setzt sich in den Sessel, die Beine lang ausgestreckt, die Augen geschlossen. Der Schlüssel steckt von innen – es ist still.

 

Mann, mann, mann, mann, mann! Was für ein Tag! – Fünf Minuten! Dann geh ich da runter, dann bin ich eine nette Mama. Aber jetzt erstmal … Mann, mann, mann, mann, mann!

Entschuldigen Sie – ich stelle mich erst mal vor.

Maddeläne Schulze. Ndongo? – Ja, auch. Ich heiße mit Nachnamen Ndongo Bindestrich Schulze. Ein Doppelname.
Berlinerin.
Verheiratet.
Mutter.
Zwei Kinder.
Gutmensch.
Ja, ich bin so eine. Genau die linksgrün versiffte Romantikerin, die mit ihrer Naivität dafür sorgt, dass Deutschland sich abschafft.
Und ich bin Wutbürgerin.

Ja gleichzeitig! Gutmensch und Wutbürgerin.
Geht nicht? Geht doch!
Und zwar, weil ich eine Bürgerin bin, ich geh nämlich wählen, ich hab einen Pass, ich arbeite und zahle Steuern – und ich bin wütend! Heute bin ich extrem wütend. Ich kann da noch nicht runter.
Immer die schlechte Energie in die Wohnung rein schleppen, wie den Dreck von der Straße? Nee!

 

Maddeläne gießt Wasser aus einer Wasserflasche in den Kocher und schaltet ihn ein.

 

Mann, mann, mann, mann, mann!
Ich lebe hier in meiner Stadt, ich lebe hier in meinem Land, und irgendwann bin ich rausgefallen. Und seitdem bin ich falsch hier. Nicht viel falsch – aber so viel, dass es mir auffällt. Und das fällt auch anderen auf!
Dabei habe ich doch versucht alles richtig zu machen, alles was mir angesagt wurde, von den Eltern, von den Lehrern, alles, was ich in Büchern gelesen habe!

Sagen wir es kurz und schmerzlos: Ich habe den »falschen« Mann geheiratet. Er ist kein Deutscher. Und zwar so »kein Deutscher«, dass meinen Leuten gleich alles klar zu sein scheint. Herr Ndongo ist nicht weiß. Mein Mann ist schwarz. »Falsche Farbe« für Deutschland.
Mein Mann ist Afrikaner. Unsere Kinder sind Deutsche. Und schwarz. Trotzdem »falsche Farbe«.
Nur ich als Einzige aus der Familie, ich habe noch die »typisch lokale« weiße deutsche Farbe. Das ändert sich auch nicht mehr in meinem Alter. Ich habe also im Gegensatz zu meiner Familie keinen erkennbaren »wie-und-was-auch-immer-Hintergrund«.
Viele Gänsefüßchen, um das zu erklären – viel zu viele!

Ich habe Monsieur Leopold Ndongo geheiratet. Und alle haben gedacht, wir heiraten wegen »Papiere«? Entschuldigung aber Papiere hatte er schon! Wegen Liebe haben wir geheiratet, wegen richtig fetter Liebe! Für immer!

Was für ein Mann!
Klug, freundlich, ruhig, groß, stark, ein Gentleman, ein Mann von Welt.

 

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