Literatur und Sachbuch
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»Aussteiger unter Segeln« Udo Hinnerkopf

01. Träumer oder Realisten?

 

Da hat einer nur eins im Sinn: Karriere, Erfolg, Anerkennung. Er lebt im besten Viertel einer schönen Stadt, fährt einen weißen Sportwagen und pflügt bei hipper Musik auf dem Kopfhörer im Val-d‘isère durch den Pulverschnee. Dafür arbeitet er 12 Stunden am Tag, an den Wochenenden oft auch mehr.
Dann wirft er alles hin, besteigt ein Segelboot und verschwindet auf dem Meer. Ist so einer noch ein normaler Mensch? Oder ein weltfremder Spinner, gar ein Psychopath?
Ich war mit Freunden unterwegs, die mir halfen die Schiffskosten und das Leben an Bord zu finanzieren. Ich wollte es genau wissen und da ich selbst genug hatte von meiner eigenen Karriere, die mit drei Hörstürzen zu Buche schlug, kündigte ich meinen Job und lichtete den Anker. Es war Frühlings- und Reisezeit. Das Bugwasser spritzte, die Sonne warf kleine Regenbogen an Deck, Delfine spielten um den Bug, und die Möwen hießen alle Jonathan.
Sternenklare Nächte, Wellengebirge, die der Wind zerzauste, Träume wurden Wirklichkeit. In den Häfen zwischen Gibraltar und Rhodos traf ich sie, die Aussteiger, die sich wie ich aufgemacht hatten … auf Booten aus Holz, Stahl, Aluminium, sogar aus Zement, und vor allem aus Fiberglas. Ich traf verlotterte Typen auf schmuddeligen Kisten, Philosophen ohne Heimat, aber auch Familienväter auf Abenteuerkurs, Querköpfe, Verlassene, Exoten und Chaoten. Und viele recht Vernünftige.
Was treibt diese Menschen an? Warum ziehen sie das Leben auf dem Meer, dem Leben an Land vor? Das habe ich mich oft gefragt. Sind das alles Utopisten, Weltverbesserer oder schlicht nur Landmüde? Sind sie Egoisten ohne Verantwortungsbewusstsein? Verrückte vielleicht – oder gar Gescheite? Haben sie etwas gefunden, sich geändert? Oder jagen sie hirnrissigen Gespinsten hinterher? Bin ich vielleicht selbst einer von ihnen?
Fragen, auf die ich nicht immer eine Antwort bekam. Oft wusste ich nicht, wie ich mich der Geschichten, die über mir hereinstürzten, erwehren sollte. Manche Flasche Wein wurde zuviel getrunken, manche Träne geweint, oft war Verzweiflung der Auslöser für Bekenntnisse, die ich nicht unbedingt hören wollte. Oft aber auch war das Gegenteil der Fall: Begeisterung für das neue selbstbestimmte und abenteuerliche Leben.
Die Gründe für die Sehnsucht nach einer Zukunft ohne Zwänge sind so verschieden wie die Menschen. Von Midlife-Krisen ist oft die Rede, frei nach dem Motto: Ab einem gewissen Alter hadert jeder mit sich und seinem Job. Männer öfter als Frauen. Viele träumen davon, etwas ganz anderes zu machen oder noch einmal von vorne anzufangen. Sie sind in ihrem Beruf erfolgreich … oder erfolglos – und sehnen sich nach Veränderung, nach einer Tätigkeit, die ihnen sinnvoller erscheint und mehr Lebensfreude verspricht.
Jobmüde Menschen wechseln ihren Job, manche sogar den Beruf: Der Bäcker wird zum Fußballtrainer, der Jurist zum Reiseleiter. Und die, die die Nase besonders voll haben, zieht es noch weiter, dahin wo das große Abenteuer lockt, in die Ferne, auf die Berge, in die Wüste, auf Gletscher, ins Weltall gar. Sie folgen dem Geruch eines fremden Landes oder dem Atem der salzigen Meereswellen.
Nur wenige schaffen tatsächlich den Absprung. Heldenhaft ist dieser oftmals nicht. Neben Unzufriedenheit oder Überdruss ist auch schon mal eine Krise die treibende Kraft: eine gestrandete Ehe, eine berufliche Pleite.
Es gibt aber auch die sorgfältigen Planer, die sich jahrelang vorbereiten. Von seinem »Plan 76« hat mir ein Spitzenmanager erzählt, den er Jahr für Jahr mit akribischer Vorbereitung umgesetzt hat.
Ich traf Menschen aus unterschiedlichsten Berufen – Handwerker, Richter, Anwälte, ausgeflippte Studenten, Professoren, Manager, abenteuernde Journalisten, ehemalige Direktoren und erstaunlich viele Lehrer. Sie alle wollten ihren großen Traum leben, der Odysseus-Bazillus rumorte ohne Unterschied. Weder Pensionsanspruch, Wohlstand, Familienbande, noch Alter und Weisheit, und auch nicht das bescheidenste Bankkonto garantierten zuverlässig, dass jemand verschont blieb. Gefährdet war und ist, wer träumen kann – nicht jeder, aber doch eine erstaunlich große Zahl.
Gegen die Versuchung, fand ich heraus, ist – wenn der Bazillus erst einmal zu wirken begonnen hat – kaum ein Kraut gewachsen.

 



 

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