Literatur und Sachbuch
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»Westen« Hubertus Becker

 

2.1 Santos

 

Zu Jahresbeginn hatten Lisa und ich also diese Wohnung in Gräfelfing bei München gemietet. Das Haus lag in der Malmannstraße, ein wenig von der Straße abgesetzt, von einem parkähnlichen Garten umgeben. Die drei Zimmer waren bald möbliert: Wir holten Lisas Möbel aus Würzburg, das Bett zimmerte ich selbst, Christine schenkte uns einen antiken Schreibtisch, die Küche kauften wir neu. Im Wohnzimmer schraubten wir ein Regal aus alten Eichenbalken an die Wand, und im Kinderzimmer kam die Wickelkommode zum Einsatz, auf der ich als Kind schon gestrampelt hatte.
Die Hauptmieter, die im Erdgeschoss des Hauses wohnten, ein Ehepaar Murr, empfingen uns freundlich, und man lud sich gegenseitig zu einem geselligen Abend ein. Wir richteten uns also ganz bürgerlich ein, und was noch schlimmer ist, wir verfielen auch einem bourgeoisen Lebensstil. Es kam mir plötzlich so vor, als sei unser spanisches Leben mit den Hippies als Irrtum erkannt und werde hier in Gräfelfing einer Korrektur unterzogen. Zumindest ich empfand Unbehagen bei so viel militanter Sesshaftigkeit.
Hinter dem Haus dehnte sich ein für urbane Verhältnisse großer Garten aus, dessen hinterer Teil von Tannen bewachsen war, ein kleines Wäldchen sozusagen. Unter den Bäumen duckte sich ein bescheidenes Holzhaus mit Veranda, ein Kleinod im Grünen, das wir restaurierten und schon im Frühjahr als Gästehaus in Betrieb nahmen. Wie sich herausstellte, benötigten wir dringend Platz für unsere Besucher aus Spanien, die immer zahlreicher auftauchten.
Mein letztes profitables Drogengeschäft lag schon ein halbes Jahr zurück, und langsam herrschte Ebbe in der Kasse. Ich überlegte, wie ich das ändern könnte. Ein Ergebnis meines Gefängnisaufenthaltes war, dass ich dort Hunter James kennengelernt hatte, der mir dieses lukrative Angebot gemacht hatte: Für ein Kilo Heroin wollte er mir 250.000 Dollar bezahlen. Der Gedanke daran ließ mich seither nicht mehr los. Zumal es mich davon befreite, mir Kunden in München oder Ibiza zu suchen, wo man immer Gefahr lief, von Spitzeln enttarnt und von Fahndern des Rauschgiftdezernates geschnappt zu werden.
Schon auf der letzten Reise war ich umsichtig vorgegangen: Als Deutscher, der seinen Wohnsitz in Spanien hatte, kaufte ich den Stoff in Thailand von Chinesen, schmuggelte ihn nach Griechenland, wo ich ihn schließlich verkaufte. Auf diese Weise war es für die Münchener Drogenfahnder schwierig, mich im Auge zu behalten, meine Wege nachzuvollziehen und mich zu überführen. Das wurde umso wichtiger, weil seit der Untersuchungshaft in Mallorca mein Name polizeibekannt war. Interpol hatte Fingerabdrücke und Fotos von mir, sowohl in München als auch auf Ibiza wussten die in der Drogenbekämpfung tätigen Polizisten, wer ich war. Daher hörte ich auf, in München und auf Ibiza Geschäfte mit Drogen zu machen. Um ganz auszusteigen, so befand ich, war jetzt nicht der rechte Augenblick. Wenigstens ein Geschäft mit Hunter wollte ich noch machen.
Mit Santos Gonzalo, von seinen Freunden Santi gerufen, den ich Anfang November, kurz nachdem ich aus dem Knast entlassen worden war, auf Can Tieta in Ibiza besuchte, hatte ich eine Reise nach Thailand vereinbart. Santi gehörte wie Geoffrey und Angel zu Pacos ehemaligem Team von Tauchern, er war zusammen mit Geoffrey und Paco in Thailand gewesen, und er hatte auch an unserer ersten gemeinsamen Operation in Marokko teilgenommen. Ich schätzte ihn wegen seines Charakters: Er war cool! Will heißen, Santi war ein verschwiegener Genießer, das Gegenteil eines Wichtigtuers, team- und kompromissfähig, ausgeglichen und seine Möglichkeiten im Leben realistisch einschätzend. Einerseits war er bescheiden, ein Hippie durch und durch, andererseits sagte er couragiert seine Meinung, sobald er merkte, die anderen kriegten etwas nicht auf die Reihe. Im Übrigen war Santi Gonzalo Fatalist, einer, der Dinge, die er nicht ändern konnte, klaglos hinnahm. Bei alledem war er zuverlässig, auf sein Wort war Verlass. Zu seiner Freundin Mercedes pflegte er ein gleichberechtigtes Verhältnis, die beiden respektierten sich mit dem gleichen Ernst, mit dem sie sich liebten. Wenn er von ihr sprach, setzte er jedes Mal den Artikel vor ihren Namen: »la Merce«, was dann so klang wie »die Firma« oder »die Kirche«, wie eine Institution jedenfalls.
Im November also, kurz nach der Haftentlassung in Palma de Mallorca, ehe ich zu Lisa nach Deutschland flog, hatten Santi und ich diese Asienreise geplant.
Eines Tages stand er in Gräfelfing vor der Tür. Er hatte Wort gehalten und wollte mich in den Fernen Osten begleiten. Insbesondere freute er sich auf Bombay, denn er hatte den Verdacht, dass wir von den Indern etwas lernen könnten, was unser Leben bereichern würde. Er überredete mich zu einem längeren Aufenthalt, denn er hatte vor, mindestens eine Woche in Goa zu verbringen, wo er zwei Jahre zuvor mit Paco und Geoffrey schon einmal Station gemacht hatte. Dagegen hatte ich nichts einzuwenden, auch ich hatte Goa in bester Erinnerung behalten. Wir besprachen den Plan, ich setzte Lisa in Kenntnis, und zwei Tage darauf saß mein Freund im Fernbus nach Athen. Meine Frau war nicht eben begeistert, aber ich versprach ihr, in weniger als vier Wochen zurück zu sein. Zumal es jetzt finanzielle Verpflichtungen in Deutschland gab, anders als auf Ibiza, wo die Familie zur Not mit zehntausend Peseten im Monat leben konnte.
Für Ende Januar hatten Santi und ich uns in einem Hotel in Kolonaki verabredet. Misstrauisch, wie ich inzwischen dem Staat und seinen Organen gegenüber war, wollte ich in Deutschland keinen Flug nach Thailand buchen. Stattdessen bestieg ich einen Zug nach Athen, wo mein Reisegefährte schon auf mich wartete. In Piräus kauften wir die Flugtickets, und weil es immer einen Grund gab, in Kairo zwischenzulanden, buchten wir drei Tage Ägypten, zwei Wochen Indien und eine Woche Thailand.
Der Nil lud zu einer mehrstündigen Bootsfahrt ein, die Stadt Kairo erkundeten wir zu Fuß. Als wir das Hotel verließen, um ein paar Erinnerungsfotos zu knipsen, stellte ich fest, dass ich die Ersatzfilme vergessen hatte. Wir gingen noch einmal nach oben und überraschten zwei Hotelangestellte, die gerade dabei waren, unser Gepäck zu durchwühlen. Peinlich für die beiden, denn ihre Ausrede war allzu doof: Angeblich hätten sie uns frisches Trinkwasser bringen wollen. Auf der Stelle kündigten wir das Zimmer und zogen aus.
In positiver Erinnerung behielt ich die Gemüsesäfte, allen voran den Saft, der aus den Karotten gepresst wird, die im Niltal zu erstaunlicher Größe gedeihen. An jeder zweiten Straßenecke stand eine Bude, in der eine Saftpresse betrieben wurde. Ein halber Liter Karottensaft kostete lediglich ein paar Piaster, Ägypten war für Karottensaftjunkies ein Schlaraffenland. Dann naschten wir an arabischem Gebäck, dessen Süße allerdings für meinen Geschmack grenzwertig war. Der Höhepunkt unseres Kurzbesuchs am Nil waren die Pyramiden von Gizeh, vor denen wir einen heißen Nachmittag verbrachten. Busladung um Busladung wurden Touristen herangekarrt, die sich Vorträge über die technischen Daten und die astrologische Bedeutung der Bauwerke anhören mussten. Die Ägypter schienen ihr angeschlagenes Selbstvertrauen mit der Geschichte zu kompensieren: In Ägypten ist jeder stolz auf die eigene Antike, auf die Pharaonen, deren Grabmale und die Kunst. Es kam mir so vor, als versammle sich ein ganzes Volk um Jahrtausende alte Grabsteine und habe darüber vergessen, sich für die Zukunft zu wappnen. Glücklicherweise trafen wir bei einer Bauchtanzveranstaltung in einem Beduinenzelt ein einheimisches Ehepaar, das uns dermaßen charmant und großzügig bewirtete, dass alle aufkeimenden Vorurteile sofort überschattet wurden. Die Leute nahmen uns am Tag darauf mit ins Ägyptische Museum, wo unter anderem Tutanchamun zu sehen war, der dort seit 1922 liegt und dessen Totenmaske schweigt. Faszinierend fand ich die Papyrus-Malereien, auf denen die alten Gottheiten abgebildet waren: Der schakalköpfige Anubis, der Sonnengott Re und Hathor, die Göttin der Liebe. Als wir Ägypten nach drei Tagen verließen, hatten wir allerdings mehr Fragen im Gepäck als Antworten.
Im Flugzeug, wieder eine Boeing 707 der Egypt Air und mehr als halb leer, waren mir zwei junge Frauen aufgefallen, die zwei oder drei Reihen vor uns saßen. Genauer gesagt, sie lagen quer über den Sitzen und hatten es sich für den Nachtflug bequem gemacht. Dazu hatten sie auf den freien Sesseln ein halbes Dutzend der kleinen Kissen gesammelt, mit denen sie dann die Mechaniken der Sicherheitsgurte polsterten, die das Schlafen in Flugzeugen sonst zu einer Tortur für den Rücken werden ließen. Da auch Santi und ich genügend Platz hatten, taten wir es ihnen gleich und es gelang uns, mehrere Stunden lang ausgestreckt liegend zu schlafen. Als in der Früh die Kabinenbeleuchtung eingeschaltet wurde und die Flugbegleiterinnen begannen, das Frühstück zu servieren, begegnete ich den Mädchen vor den Toiletten im Heck, wo einige Passagiere anstanden, um sich zu erfrischen. Unauffällig betrachtete ich die beiden und stellte fest, dass sie hübsch waren. Gut gelaunt, da ausgeruht, unterhielten sie sich, wobei ich mitbekam, dass sie aus Hamburg stammten. Die Kleinere der beiden erinnerte mich zudem an ein Mädchen, das ich kannte, allein, mir wollte nicht einfallen, woher. Die junge Dame anzusprechen, dazu fehlte mir die Courage, aber je länger ich sie betrachtete, umso sicherer wurde ich, dieses Gesicht mit den Rehaugen, eingerahmt von langen braunen Haaren, schon einmal gesehen zu haben. Obwohl mir bewusst war, dass nur wenige Dinge auf junge Männer mehr Eindruck machen als der Duft und das Erscheinungsbild schöner Frauen, ließ mich meine Erinnerung im Stich.

Als wir in Bombay gelandet waren, hatte ich noch immer nicht herausgefunden, woher ich das Mädchen kannte, respektive an wen sie mich erinnerte. Da meine Neugier geweckt war, nicht jedoch mein Mut, sie einfach anzusprechen, reihte ich mich in der Schlange vor der Passkontrolle hinter ihr ein, und kurz bevor sie an der Reihe war, zeigte sie ihrer Begleiterin das Passfoto, was mir Gelegenheit gab, den Namen zu erhaschen: Andrea Weiß! Schlagartig war ich im Bilde: Andrea Weiß war vor zehn Jahren meine Klassenkameradin auf dem Gymnasium gewesen, wir saßen sogar ein Schuljahr lang Seite an Seite.
Ich teilte Santi meine Entdeckung mit und wir beschlossen, die beiden anzusprechen, sobald wir durch den Zoll wären. Bei der Gepäckausgabe hoben sie Trekkingrucksäcke vom Band, voll bepackt und vermutlich schwer. Ganz Kavaliere alter Schule boten wir uns an, ihnen das Gepäck auf den Kofferkuli zu legen, was auch geduldet wurde. Dabei grinste ich und fand endlich den Mut zu sprechen.
»Ich finde es durchaus erstaunlich, dass wir uns hier in Indien begegnen, allerdings frage ich mich, wieso du einen alten Schulfreund nicht begrüßt, Andrea?«
»Ich weiß, dass wir uns kennen, aber nicht, woher«, sagte sie und zeigte die Grübchen, die ihrem Gesicht schon damals den besonderen Reiz gegeben hatten. »Hilf mir mal auf die Sprünge!«
Der Einfachheit halber wies ich mich mit dem frisch gestempelten Reisepass aus.
»Gestatten, Schulfreund Harry. Wir teilten in der Untersekunda die Schulbank. Erinnerst du dich?«
»Klar!« Sie lachte und drückte mir ein Küsschen auf die Wange. »Du hast dich aber verändert!«
»Findest du?«
»Deine Haare. Du trugst die Haare früher kurz.«
»Stimmt. Und du warst schüchterner, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, dass du mir damals je einen Kuss gegeben hättest«, stellte ich fest.
Dann stellten wir gegenseitig unsere Begleiter vor, Birgit und Santos. Wir versprachen, nach der Zollkontrolle in der Ankunftshalle aufeinander zu warten. Dort beschlossen wir, uns später, nachdem wir im Hotel angekommen wären, zum Essen zu verabreden. Andrea und Birgit wussten, wo sie unterkommen wollten. Sie zogen einen Reiseführer aus dem Rucksack und zeigten uns den Namen einer Herberge in Colaba, die dort empfohlen wurde.
Da Santi und ich noch keinen Plan hatten, wo wir wohnen wollten, schlossen wir uns den beiden kurzerhand an. In separaten Taxis und bei indischer Hitze machten wir uns auf den Weg.
Die in dem Reiseführer genannte Pension lag unweit des Taj Mahal Hotels, einer der feinsten Herbergen Indiens. Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten, eine sparsam möblierte Kammer mit Deckenventilator, traten wir hinaus auf die Straße. Bei einem der vielen Schneider, die ihre Ateliers an der Bordsteinkante aufgeschlagen hatten, gaben wir bequeme Baumwollhosen in Auftrag und kauften anschließend die landesüblichen Ledersandalen, ehe wir an der historischen Uferpromenade zum Gateway of India spazierten. Von Straßenhändlern und Bettlerinnen verfolgt, suchten wir nach einer Strategie, wie wir reagieren sollten: Unmöglich, jedem jungen Mann in Zeitungspapier gewickelte gekochte Erdnüsse abzukaufen, unmöglich, jedem Bettler ein Almosen zu geben, dazu waren es zu viele. Am Ende zogen wir uns so aus der Affäre, dass wir, ehe wir das Haus verließen, eine Handvoll Münzen einsteckten, die wir »statistisch« verteilten: Jeder dritte Bettler kriegte ein paar Paisa, die anderen gingen leer aus.
So hockten wir im Schatten hoher Bäume, umringt von Bettlerinnen mit Kindern, die ihr hinduistisches Schicksal der sozialen Minderwertigkeit offenbar gleichmütig akzeptiert hatten. Es gab zwar auch in Europa ein Proletariat, Menschen, die für den Bürger »unberührbar« waren, die unterbezahlt und ausgegrenzt waren, deren Würde missachtet wurde, aber hier in Indien war die Minderwertigkeit institutionalisiert, und das würde sich so schnell auch nicht ändern. Revolutionäres Aufbegehren war seitens der Parias nicht zu erwarten, denn sie glaubten wohl selbst an ihr Stigma.
Andrea und Birgit begleiteten uns nur am ersten Tag. Wir wärmten alte Geschichten von der Schule auf und erkundigten uns, wie es uns in der Zwischenzeit ergangen sei. Es versteht sich von selbst, dass ich die Frauen nicht über den wahren Zweck unserer Reise ins Bild setzte. Dafür erzählte Andrea freimütig, wie lange sie und ihre Gefährtin in Indien zu bleiben gedachten. Ich erfuhr, dass sie in einem Hamburger Krankenhaus als Krankenschwester arbeitete und dass sie noch ledig war. Kurz vor Antritt der Reise hatte sie eine mehrjährige Beziehung beendet, weil es »hinten und vorne« nicht klappte. Zu allem Überfluss stellte sich heraus, dass der Freund kürzlich damit angefangen hatte, Drogen zu konsumieren.
»Was für Drogen denn?«, erkundigte ich mich.
»Hasch«, sagte sie mit Empörung im Unterton. »Das konnte ich nicht akzeptieren. Da sind die Probleme doch schon vorprogrammiert. Ich will keine Kinder von einem Kiffbruder!«
»Kann man nachvollziehen«, hörte ich mich sagen und beschloss im selben Moment, die Episode mit Birgit und Andrea in Bombay zu beenden. Fast hätten Santi und ich die beiden noch zu einem Besuch in der Opiumhöhle eingeladen. Aber wer seinen langjährigen Freund vor die Tür setzt, weil er kifft, der wird sich gewiss beim Opiumrauchen nicht erwärmen. Also verabschiedeten wir uns von den Krankenschwestern und gingen fortan wieder eigene Wege. Zwar tauschten wir noch die Adressen in Deutschland aus, wiedergesehen haben Andrea und ich uns danach allerdings nicht mehr. Was blieb, war die Erfahrung, dass derart zufällige Begegnungen in der Ferne einen besonderen Reiz haben. Leicht mag man darin eine Schicksalsfügung sehen, mehr als ein statistisch notwendiges Ereignis. Aber mehr als Zufall sollte da nicht hinein gelesen werden.
Gleich um die Ecke der Pension, in einer von hohen Akazien beschatteten Seitenstraße lag Dipty’s, ein kleiner Saftladen, dessen Inhaber angeblich 101 verschiedene Fruchtsäfte mixte. Die wenigen Mischungen, die Santi und ich dort probierten, hatten genügt, um uns zu Stammkunden werden zu lassen. Bei Dipty’s lernte ich den Geschmack reifer Mangos schätzen, Früchte, die seinerzeit in Europa nur schwer zu finden waren. Da das Lokal nur über vier Sitzplätze verfügte, hockten die meisten Gäste draußen auf dem Trottoir, jeder mit einem großen Glas Saft in der Hand. Darunter fanden sich Hippies, die auf dem Weg von Kaschmir nach Goa waren, Freaks, die in der Stadt hängen geblieben waren und die jetzt kein Geld mehr hatten, um aus Indien fortzukommen.
Auf alle Fälle wurde in Colaba kommuniziert, konsumiert und in einem Fall sogar gestorben. Eines Tages lag nämlich ein toter Europäer in einem Hauseingang. Zwei Tage lang hatten die Leute ihn für schlafend gehalten, waren über die Leiche gestiegen, bis die Hitze in ihr gärte und sich übler Geruch verbreitete. Am Nachmittag wurde der Unbekannte dann geholt und fortgekarrt, von zwei aus der Dom-Kaste stammenden Unberührbaren, die für die Beseitigung von Leichen sowie für deren Verbrennung zuständig waren. Bei Dipty’s sprach man anschließend ein paar Tage über den Vorfall, so als wollten sich die Leute, indem sie von dem Toten sprachen, vergewissern, dass sie selbst noch am Leben waren.
Mit Santi sprach ich Spanisch, denn inzwischen beherrschte ich die Sprache immer besser, die knapp vier Monate im Gefängnis von Palma hatten mich sprachlich ein gutes Stück voran gebracht. Ich war jetzt in der Lage, die alltägliche Kommunikation zu bewältigen, erste Sätze zu bilden, an denen grammatikalisch wenig auszusetzen war, und täglich lernte ich hinzu. Santi und ich kamen gut miteinander klar, wir passten gegenseitig auf uns auf, wir nutzten die wechselnden Situationen und Anforderungen der Reise durch Indien, uns besser kennenzulernen und uns zu vertrauen.
Während der ersten Indienreise hatte Dennis mich in die an der berüchtigten Shuklaji-Street gelegene Cashmere-Chandu-Den mitgenommen. Die Abende verbrachten Santi und ich vorzugsweise dort. Rashid, der Inhaber, überredete mich zu einer Pokerrunde, doch ehe ich mich versehen hatte, war ich um tausend Dollar leichter. Immerhin war Rashid so nobel, mir den Beschiss lachend zu beichten. Daraufhin hatte er mir angeboten, »bis ans Ende meiner Tage« zum Nulltarif Opium bei ihm zu rauchen. Damit fingen Santi und ich gleich an, und wir verließen das Lokal erst, als wir das Gefühl hatten, dass die Welt um uns herum aus Watte bestand.

Nach einer Woche Bombay machten wir uns auf den Weg nach Goa, wo ich zwei Jahre zuvor schon einmal ein paar Tage mit Dennis verbracht hatte. Die Hauptstadt Panaji ließen wir rasch hinter uns, wir wollten an den Strand von Calangute. Im Taxi ging es über schmale Straßen durch ausgedehnte Kokoshaine, mit der Fähre setzten wir über einen Fluss, in dem Kinder badeten. Als wir in Calangute ankamen, quartierten wir uns im Strandhotel Sousa Lobo ein, eine saubere und preiswerte Herberge, deren Name an die Zeit der portugiesischen Kolonisatoren erinnerte. Die Anlage bestand aus einem Dutzend Bungalows. Lediglich die sanitären Einrichtungen wiesen eine gewöhnungsbedürftige Besonderheit auf: Die Toiletten waren in einem frei stehenden, an den Schweinekoben angrenzenden Holzhaus untergebracht, das die Größe von drei in Reihe stehenden Dixie-Klos hatte. Jede Kabine hatte eine Sitzbank mit ausgesägtem Loch, und die Ausscheidungen rutschten über eine Schräge in den Trog, aus dem die Hausschweine sich ernährten. Praktisch sah das so aus: Sobald man die Toilette betrat, eilten die schwarzgefleckten Säue herbei, um hinter den Ärschen zu lauern, bis es was zu Fressen gab. Hier ging es nicht von der Hand in den Mund, sondern sozusagen direkt vom Darm ins Maul.

 

 

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