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Literatur und Sachbuch
 Modul-Rezensionen

Der Roman behandelt die Lebensgeschichte der Eva Justin von 1934 und 1945, die im Rahmen ihrer beruflichen Laufbahn und unter ihrem Vorgesetzten und Geliebten, Dr. Robert Ritter, im großen Stil pseudowissenschaftliche Rassenuntersuchungen an Roma und Sinti vornahm. Ihre Gutachten waren Teil der Vernichtungen sogenannter „Zigeuner“.

Ute Bales, 1961 in der Eifel geboren und aufgewachsen, studierte Germanistik, Politikwissenschaft und Kunst. Heute lebt sie in Freiburg als freie Schriftstellerin. Bisherige Romanveröffentlichungen: Der Boden dunkel (2006), Kamillenblumen (2008), Peter Zirbes (2010), Unter dem großen Himmel (2012), Großes Ey (2014), Die Welt zerschlagen (2016), Amerika ist weit (2018).

Der Roman „Bitten der Vögel im Winter“ gliedert sich in 24 Kapitel, die Eva Justins Lebensstationen nachzeichnen. 1934 lernt Eva Justin während eines Lehrgangs für Krankenschwestern in Tübingen Dr. Robert Ritter kennen. Sie ist Anfang zwanzig, er Mitte dreißig, verheiratet, Oberarzt mit besten Karriereaussichten. Als er sie fragt, ob sie seine Arbeit unterstützen will, sagt sie bereitwillig zu. Sein Ziel ist eine makellose „Rasse“. Völlig kritiklos übernimmt sie seine Vorstellungen. Mit Robert Ritter geht sie bald eine Beziehung ein und folgt ihm 1936 nach Berlin, wo er zum Leiter der „Rassenhygienischen Forschungsstelle“ berufen wird. Im Rahmen großangelegter Untersuchungen vermessen, verhören und klassifizieren die Arbeitsgruppen, zu denen Eva Justin gehört, Tausende Sinti und Roma. Die Gutachten, die sie erstellen, bilden die Grundlage für die späteren Sterilisationen und Deportationen in die Konzentrationslager. Bei allem, was sie tut, bleibt Eva Justin unzugänglich und kalt. Nur Robert Ritter gegenüber zeigt sie Gefühle. Während er in Eva Justin das hübsche und ihn verehrende Sexobjekt sieht, das ihm Stunden der Glückseligkeit schenkt, durchlebt sie wochenlange Wartezeiten, Verzweiflung und Eifersucht sowie Hoffnung und kurze Erfüllung. Trotz lediglich vager Zukunftsaussichten hält sie bedingungslos, ja geradezu krankhaft, an ihm fest.

Von Beginn an zeigt sich Eva Justin als hart und unerbittlich. Ute Bales schildert die Protagonistin in ihrem jeweiligen Arbeitsumfeld im Büro in Berlin, im Lager in Marzahn oder in einem der Kinder- und Jugendheime und bezieht immer wieder Reaktionen und Aussagen ihrer Kolleginnen ein. Gewissermaßen als Spiegel ihres eigenen Verhaltens verhelfen Eva Justin diese anderen, zumeist zweifelnden oder mitfühlenden, Äußerungen immer wieder zur Absicherung und Verstärkung ihrer eigenen Haltung.
Der Roman beginnt mit einer Szene in einem Kinderheim, und sofort wird der Leser in die historische Atmosphäre und die angsteinflößende Situation in diesem Heim eingeführt. Immer wieder fokussiert Ute Bales den Blick auf die zu behandelnden Menschen mit ihren Ängsten und Abwehrreaktionen, so dass sich bereits nach den ersten Zeilen ein Mitgefühl mit den drangsalierten Personen entwickelt. In der Gegenüberstellung von Macht und Ausgeliefertsein entwickelt sich diese durchgehende Spannung.
Andererseits zeigt der Roman keinen breit angelegten, sich zuspitzenden Spannungsbogen. Eva Justins widerwärtige Arbeit unter dem ausufernden Naziregime zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Den zweiten roten Faden bilden die sich abwechselnden Phasen der Liebesbeziehung mit Robert Ritter. Dieser doppelte Handlungsstrom führt beim Leser allmählich zu einer gewissen Gewöhnung. Eva Justins harte Haltung und ihr Ekel gegenüber den unschuldig verdreckten, kranken und hungernden Menschen durchdringen den Leser. Gerade darin aber liegt der besondere Reiz dieses Buches: Man gewöhnt sich offenbar rasch an andere Systeme, passt sich an, sucht sich einen möglichst behaglichen Platz darin und beschwichtigt sich selbst durch die vermeintlichen Erfordernisse. Ute Bales versteht es, die Motivation Eva Justins nachvollziehbar wiederzugeben, gerade auch durch ihre knappe, ja geradezu trockene Sprache.
Der Roman ist sehr gut recherchiert. Auch wenn er aus der Sicht einer Täterin geschrieben ist, kommt das Elend der Opfer keinesfalls zu kurz. Ute Bales legt an vielen Stellen den Finger in die eiternde Wunde der unzumutbaren Lebensverhältnisse und der verzweifelten Reaktionen. Ihr Blickwinkel verdeutlicht die Erkenntnis, wie unfassbar viele Menschen durch ihre Hände gegangen sind. Jeder Leser möge seine eigene Position Eva Justin gegenüber zwischen einer Spur von Verständnis, Unverständnis und Verachtung entwickeln. Vor allem gilt es, klarzustellen, dass sich ein Mitgehen mit Eva Justin und ein Mitweinen mit ihren Opfern keinesfalls ausschließen. Das Buch hinterlässt einen aufgewühlten Eindruck, der noch lange im Gedächtnis haften bleibt. Der Roman „Bitten der Vögel im Winter“ sollte in der Oberstufe im Geschichtsunterricht Schullektüre sein. Ich wünsche mir eine Fortsetzung von Eva Justins Lebensgeschichte, die ja keineswegs 1945 endete.
Lediglich der Titel und das Titelbild scheinen mir unglücklich gewählt. Meines Erachtens hat der Roman eine Metapher nicht nötig, zumal im Roman selbst die schonungslose Sichtweise absolut dominiert. Zumindest sollte meines Erachtens der informative Untertitel „Die Mittäterin Eva Justin“ o.ä. auf dem Einband Erwähnung finden. Auch das Titelbild lässt nicht ahnen, dass es sich bei Ute Bales‘ Roman um ein historisch und literarisch bedeutsames Werk handelt.

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