Leseprobe »Ein Leben in der Eifel«
Frühling
An den Frühling kann ich mich noch gut erinnern, wenn die Wiesen wieder grün wurden und die Knospen an den Bäumen und Hecken zu sprießen anfingen. Mein Vater sagte dann jedes Jahr denselben Spruch: »Nou hiet net en de Besch, de Baam schlinn ous.« Wahrscheinlich hatte er das Lied »Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus« em Kopp, um uns augenzwinkernd ein bisschen Angst zu machen. Aber natürlich hat es gewirkt und wir glaubten es. Alles aber fing mit dem 1. April an. Er hat es immer wieder hinkrischt, uns in den »April zu schicken«. Er hat uns irgendwelche Sachen bei irgendjemandem holen lassen, die es gar nicht gab: »Häi haste e Jelaas, nou jang aas bäi de Tant Troutje e bessje von der goode Loft holle.« Oder: »Renn aas flott bei de Klie un kaaf e Päckeltje ›Hau-mich-Blau‹.« Anfangs musste ich noch laufen, aber als ich den Durchblick hatte, waren meine Brüder dran. Immer wieder hat er mit uns säin »Fisematentje« (Faxen) jemaach. Hatten wir den 1. April hinter uns und sollten nicht en de Besch, dann ab off de Wiss. Mama hatte da auch ein Wörtchen mitzureden. Wenn de »off de Baach« hieht, kuckt emol off et schun Eieschäpp jet. Die Wiesen waren nicht gedüngt, deshalb wuchsen dort noch Eieschäpp un Mousur. (Löwenzahn und Feldsalat). War das immer ein Festessen: Eieschäpp unescht de Krombere, darüber Speck und Zwiebeln. Dazu brauchte man kein Fleisch, e Spejelei ode zwei, woren och goot. Vegan war noch nicht erfunden, eigentlich gab es jeden Tag Fleisch, außer freitags. Da hatte die Kirche Fleischverbot erteilt, weil ja Jesus freitags ans Kreuz genagelt wurde. Also, wenn man »ous em Tritt« war und nicht wusste, welcher Wochentag es war, spätestens dann wusste man es.
Zu meiner Zeit war das auch noch nicht so mit dem Wochenende. Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, freitagmittags »de Homme falle se loose«. Stellt euch das mal vor, Mama hätte de Kiddelscherz in de Eck jahange un nix jemaach. Mein Vater wäre vom Feld gekommen be et Mettach jelout hat, hätte kurz jeduscht, hätte sich die Jogginghose angezogen und sech off de Couch jehau. Bei schönem Wetter hätten sich beide im Garten ein schattiges Plätzchen gesucht und abgehangen. Wir hätten auf unserem Trampolin, was in jedem Garten auf dem gepflegten Rasen stand, herumgeturnt. Abends hätte mein Vater den Grill, natürlich den Elektrogrill, angeworfen und leckere Steaks gegrillt. Mama hätte noch schnell Krombere-Schloot jemach, ein Kräuter-Baguette aufgebacken und ein paar Dips dazu gereicht. Wir hätten die Pappteller und das Plastikbesteck in der Mülltonne entsorgt und uns noch ein, zwei Stündchen vor den Fernseher gehockt. Samstags hätten alle lange geschlafen. Vielleicht hätte mein Vater gesagt:
»Komm Loni mir fohren mem Possauto no Maye un hinn schien Kaffi trenke. Dou kriss en näie Rock un en näi Scherz. Un esch kucken aas no em näie Hot. De Kenne lossen mir läie de kummen seräscht (zurecht)«. Meine Mutter wäre natürlich Feuer und Flamme gewesen. Ouja un fir de Mettach hollen mir denne Kenne zwei Tiefkühlpizzas met, dann freuen de sech.
Ja und im Stall hätte das Vieh gebrüllt: »Hunger«. Die Kühe hätten die Euter voll Milch gehabt und wollten gemolken werden. Naja, die Hühner wären ja mal einen Tag »Ohne« ausgekommen. Putzen und Waschen hätte Mama ja auch an einem anderen Tag machen können. Sooo viel Arbeit fällt ja doch nicht an. Vaters Feldarbeit wäre auch am Montag zu erledigen gewesen. Aber, das ist alles aus der jetzigen Zeit. So leben wir heute. Wir sind froh, wenn Wochenende ist, dann können wir endlich ausschlafen und uns auf das konzentrieren, wofür wir in der Woche keine Zeit haben. Selbst im Kindergarten bekommen die Kleinen schon eingetrichtert »Hoch die Hände Wochenende«.
Wie gesagt alles hat seine Zeit. Meine war eben anders. Der Freitag war wie alle anderen Tage auch, außer dass es kein Fleisch gab. Es wurde geschafft bis abends. Die Arbeit auf dem Feld konnte ja nicht einfach liegen bleiben. War das Wetter gut, wur jemaach dat me raat joow. Das war für meinen Vater ein gutes Gefühl. Manchmal hann em de Knoche wih jedoon. Mama hat ihn dann mit »Franzbranntwein« enjeriwwe. Das hat gut geholfen. Es gab kein Voltaren oder irgendeine Arthrose-Salbe. Es gab noch nicht einmal Arthrose oder Osteoporose. Und wenn, haben wir die Ausdrücke und Krankheitsnamen nicht gekannt. Ouh, der jaad ewwe kromm, der hat et ewwe och met de Knoche. Ja, die Leute mußten jo schwär »buckele«. Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern mal eine Woche im Bett lagen weil sie krank waren. Me hat sech emol de Bouch fast jehaal, das war auch alles. Und wenn ich mir vorstelle, dass am Wochenende kaan Stecke jeschmeed wooren, dass eben im Stall und im Haus die Arbeit liegen blieb, nein, das alles gab es nicht. Aber wir haben es erlebt, und es sind Erinnerungen, die man nie vergisst. Wie gesagt, später gab es Erleichterungen.
Dann kam auch der erste Fernseher ins Haus, nätürlich schwarz-weiß. Meine Eltern schauten die Tagesschau und samstags et Millewitsch-Theater ode de Frankenfeld. Oft war der Ton noch nicht optimal und die Übertragung hat jekritschelt. Hauptsache war, mir hatten e Fernseh.
Und wir spielten bis es dunkel wurde off de Stross un em Frehjoor off de Wiss. Freunde waren immer mit dabei. Mir hann us e runne jeschippelt un hatten Spass un vill freche Loft. Wir waren zufrieden. Auf dem Nachhauseweg wurden noch ein paar Weidekätzchen gepflückt für Mama und wenn die ersten Veilchen und Gänseblümchen blühten, dann gab es die. Mama stellte sie dann in einem Eierbecher oder einem Schnapsgläschen auf den Tisch. Da hatte sie viel Freude. Veilchenduft und Gänseblümchen erinnern mich immer an unsere unbeschwerte Kindheit em Frehjoor.
