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Leseprobe »Der Moselwein«

von Stefan Barme

Kleine Kulturgeschichte des Weins

Wein ist ein Kulturgut, an dem sich die Menschen seit vielen Jahrtausenden erfreuen, und er ist wohl das älteste Kulturgetränk der Menschheit. In der Bibel begegnet uns der Wein an unzähligen Stellen, und bekanntermaßen waren schon die alten Römer und Griechen dem Rebensaft sehr zugetan. Doch die Tradition des Weinbaus lässt sich in der Menschheitsgeschichte noch sehr viel weiter zurückverfolgen: Für den Nordwest-Iran und den Kaukasus, im heutigen Georgien und in Armenien, sind 6000 bis 8000 Jahre alte Spuren einer Traubenweinproduktion nachgewiesen, und auch im Alten Ägypten der vordynastischen Zeit (ca. 4000 – 3032 v. Chr.) wurde bereits Wein getrunken. Er war hier zunächst ein prestigeträchtiges Luxus-Konsumgut, das ausschließlich der Oberschicht vorbehalten war, doch später, nachdem man Fortschritte in der Produktion und Lagerung erzielt hatte, wurde Wein auch weiteren Bevölkerungsschichten zugänglich, jedoch blieb Gerstenbier stets das dominierende Alltagsgetränk. Die wilde Weinrebe (Vitis sylvestris) war ursprünglich nicht in Ägypten heimisch; archäologische Untersuchungen haben ergeben, dass die alten Ägypter schon im 4. Jahrtausend v. Chr. aus dem Raum Syrien-Palästina, wo der Weinbau zu jener Zeit bereits einen bedeutenden Teil der Landwirtschaft bildete, Wein importiert haben; später schufen sie dann eigene große Weinbaugebiete, vor allem im westlichen und östlichen Nildelta. Die Ernte und Herstellung des Weins ähnelten in weiten Teilen den Arbeitsschritten, die in der griechischrömischen Antike und noch lange darüber hinaus in Europa üblich waren: Die mit den Händen gepflückten Weintrauben wurden in Körben zu einer Wanne gebracht, wo sie mit den Füßen zertreten wurden. Anschließend wurden die zerquetschten Trauben in eine Art Sack gefüllt, an dessen seitlichen Enden jeweils eine Stange angebracht war; durch Drehen dieser Stangen wurde der in den Trauben verbliebene Saft ausgepresst. Auch sehr detaillierte Weinetiketten waren schon in Gebrauch, auf denen das Erntejahr, die Qualität und Herkunft der Weintrauben, der Eigentümer des Weingartens sowie der für die Herstellung verantwortliche Winzer angegeben waren. Im Alten Ägypten fand kein Fest ohne Wein statt, und die Ägypter zeigten sich dabei äußerst trinkfreudig: Der griechische Geschichtsschreiber Herodot berichtet, dass an einem Neujahrsfest im Ort Bubastis mehr Wein konsumiert worden sei als sonst in einem ganzen Jahr. Den Pharaonen, wie etwa Tutanchamun, war es vergönnt, auch im Jenseitsreich mit Wein versorgt zu sein, denn das als göttlich betrachtete Getränk gehörte zu den kulinarischen Grabbeigaben beim Begräbnis der Könige.
Ähnlich zechbegabt wie die alten Ägypter waren die alten Chinesen, und diese kannten die Herstellung von Wein sogar schon früher als die Menschen in Vorderasien und Ägypten. Jedenfalls stammt der älteste Nachweis der Herstellung eines alkoholischen Getränks mittels Fermentation von Weintrauben aus China: In einer Ausgrabungsstätte in der zentralchinesischen Provinz Henan fand ein amerikanisch-chinesisches Forscherteam 9000 Jahre alte Keramikgefäße, an denen sie Getränkereste nachweisen konnten, wobei es sich um ein alkoholisches Getränk aus Reis, Honig und wilden Weintrauben handelt. Die Weinrebe (Vitis) zählt zu den ältesten und vielfältigsten Pflanzengattungen in Eurasien und Nordamerika. Auf dem Gebiet des heutigen China sind seit dem Tertiär (das vor 66 Millionen Jahren begann und bis zum Anfang des Quartärs vor 2,6 Millionen Jahren dauerte) mehr als 40 Arten wilder Weinreben heimisch.
Archäologische Forschungen haben ergeben, dass sich von China bis in die Flusstäler Europas entlang der alten Seidenstraße samt ihren Verzweigungen ein jahrtausendealter breiter Gürtel von Weinbaugebieten bis heute erhalten hat, der unter anderem Nordost-Kasachstan, Turkmenistan, Usbekistan, den Nordwesten Irans und den Kaukasus einbezieht. Dabei ist auffällig, dass sich in allen diesen Gebieten bemerkenswerte Übereinstimmungen beziehungsweise Parallelen in der Weinkultur zeigen, so vor allem im Hinblick auf die Trink- und Ausschankgefäße, die Weinkeltern sowie die Verwendung von Honig zur Beschleunigung des Gärprozesses und von Baumharz zur Haltbarmachung des Weins.
In Europa finden sich die ältesten Zeugnisse für Weinbau in Griechenland. Auf der griechischen Insel Kreta wurde bereits um das Jahr 1750 v. Chr. von den Minoern, deren Reich die älteste Hochkultur Europas repräsentiert, Wein angebaut. Angesichts der engen Handelsverbindungen zwischen Kreta und Ägypten wird in der Forschung davon ausgegangen, dass die Minoer die Weinrebe von den Ägyptern übernommen haben. Von Kreta ausgehend wurde der Wein über Handelsbeziehungen auch auf den anderen Ägäis-Inseln und schließlich auch auf dem griechischen Festland eingeführt.
Wein war im antiken Griechenland nicht nur Alltagsgetränk, sondern spielte auch im religiös-kultischen Bereich eine sehr wichtige Rolle, denn der Wein war das Getränk des Weingottes Dionysos, der darüber hinaus auch der Gott der Trauben, der Freude, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase war; daher opferten die Griechen ihm zu seinen Festen vor allem auch Wein. Als bester Wein galt lange Zeit der von der Insel Chios, daneben wurden insbesondere auch die Rebensäfte aus Thasos und Lesbos sehr geschätzt. Ähnlich wie wir heute, unterschieden auch schon die Griechen in Abhängigkeit des Zuckergehalts drei Typen von Wein: trockenen, halbtrockenen und süßen; darüber hinaus gab es drei verschiedene Sorten: weiße, dunkel- und bernsteinfarbene Weine. Gelagert wurde der Wein in versiegelten Tonkrügen und in Schläuchen aus Ziegenhaut. Man geht davon aus, dass der Alkoholgehalt der Weine im alten Griechenland recht hoch war (zwischen 15 und 16 Prozent), wobei jedoch zuberücksichtigen ist, dass Wein grundsätzlich mit Wasser vermischt getrunken wurde – der Konsum unvermischten Weins galt als barbarisch. Eine bedeutende Rolle kam dem Wein im Rahmen der in der Oberschicht überaus beliebten Institution des Symposions, des Trinkgelages, zu. Symposien wurden üblicherweise nach einem gemeinsamen Abendessen abgehalten. Die Teilnehmer wuschen sich zunächst die Hände, rieben sich mit wohlriechenden Essenzen ein, bekränzten ihre Häupter mit Efeu und Blumen und opferten den Göttern Wein. Dann begann das eigentliche Symposion (wörtlich: »gemeinsames Trinken«), wobei jedoch nicht nur Wein in größeren Mengen genossen wurde, sondern zudem auch noch ein recht vielfältiges Unterhaltungsprogramm die Gäste erfreute: Es wurden Reden gehalten, Rätselaufgaben gelöst, Gedichte rezitiert, Lieder gesungen, auf Flöten und Leiern musiziert, getanzt, und man vergnügte sich bei Spielen, wie etwa dem sehr beliebten Geschicklichkeitsspiel Kottabos, bei dem aus einem noch nicht ganz geleerten Trinkgefäß Wein auf einen Gegenstand im Raum (in der Regel eine wackelig positionierte Schale) geschleudert wurde, um ihn umzuwerfen. Den Männern gleichgestellte Frauen durften an Symposien nicht teilnehmen, während Hetären (musisch versierte Edelprostituierte), die zur Unterhaltung beitrugen und den Männern wohl auch in sexueller Hinsicht zur Verfügung standen, üblicherweise anwesend waren, ebenso wie Diener und Sklaven, die die Gäste bewirteten. Der von den »Partygästen« gewählte Symposiarch (Vorsitzender des Gelages) hatte über die Einhaltung der Riten und den Ablauf des Abendprogramms zu achten, und er bestimmte auch das Mischungsverhältnis von Wein und Wasser und wieviel Wein getrunken werden sollte: »Die Befreiung von Hemmungen, die mit dem Betrunkenwerden einhergeht, war nämlich das Ziel des Symposions« (Andrew Dalby, Essen und Trinken im alten Griechenland. Von Homer bis zur byzantinischen Zeit, 1998, S. 38).
Als die Griechen ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. mit ihrer Kolonisation in Sizilien und anderen Gebieten Süditaliens begannen, führten sie dort auch die Weinkultivierung ein. In Mittelitalien hingegen hatte der Volksstamm der Etrusker, dessen Kultur in den heutigen Regionen Toskana, Umbrien und Latium zwischen 800 und 100 v. Chr. nachweisbar ist, bereits in großem Umfang Weinbau betrieben.
Wein galt im antiken Rom als Grundnahrungsmittel und wurde – ebenso wie bei den Griechen – mit mehr oder weniger viel Wasser verdünnt getrunken, mitunter bereits zum Frühstück. Neben dem aus Trauben gekelterten Wein kannten die Römer auch eine Art Glühwein, wobei es sich um eine Mischung aus Wein, Honig, Pfeffer, Lorbeer, Datteln, Mastix (eine Harzsorte) und Safran handelte, die heiß oder auch kalt getrunken wurde. Dieser aromatisierte beziehungsweise gewürzte Wein wurde vinum piperatum (»gepfefferter Wein«) genannt. Die Römer waren jedoch keineswegs die ersten, die Wein durch die Zugabe von bestimmten Substanzen (Gewürzen, Kräutern, Früchten und Harzen) geschmacklich verfeinerten, denn dieses Verfahren war auch schon im Alten China, in Ägypten und in Griechenland bekannt. Die Römer haben von den Griechen nicht nur sehr viel hinsichtlich der Kultivierung von Wein gelernt, auch in Bezug auf die Trinkkultur beziehungsweise das Zelebrieren des Weingenusses gibt es zahlreiche Parallelen. Wie die Griechen liebten auch die Römer das Trinkgelage (auf lateinisch: comissatio), bei dem auch sie einen Aufseher, einen Trinkkönig (lateinisch: rex bibendi) bestimmten, der darüber zu entscheiden hatte, in welchem Verhältnis der Wein mit Wasser gemischt werden sollte und wieviel jeder Anwesende davon zu trinken hatte, um den Zustand wonniglicher Weinseligkeit zu erreichen.
In Italien gediehen bereits in der Antike viele hervorragende Rebsorten, was im 5. Jahrhundert v. Chr. den großen griechischen Dichter Sophokles dazu bewog, Italien – und nicht etwa sein Heimatland Griechenland – als das Lieblingsland des Weingottes Bacchus herauszustellen. Im Zuge der Ausdehnung ihres Imperiums machten die Römer den Wein und den Weinanbau in weiteren Regionen und Ländern bekannt, vor allem in Portugal, Spanien und Deutschland – nicht jedoch in Frankreich, denn hier waren Wein und Weinkultur schon lange Zeit vor den Römern durch Etrusker und Griechen eingeführt worden. Ein ArchäologenTeam um Patrick E. McGovern vom Museum für Archäologie und Anthropologie der University of Pennsylvania in Philadelphia gelangte anhand von Funden zu dem Ergebnis, dass die Etrusker schon im 7. Jahrhundert v. Chr. Wein nach Südfrankreich exportierten und dass die dortige Bevölkerung bereits um 400 v. Chr. selbst Wein herstellte. Das nötige Knowhow hatten sie von den Etruskern und wohl auch von den Griechen übernommen, denn als griechische Siedler um 600 Chr. das heutige Marseille gründeten, brachten sie ihre Rebsorten mit und pflanzten sie in Südfrankreich für ihren Eigenbedarf an.
Von Südfrankreich aus gelangte der »heilige Sohn der Sonne« (Charles Baudelaire) auch an die Mosel und den Rhein, und zwar über die alte Fernhandelsroute durch das Rhônetal über Lyon. Die im Moseltal ansässigen Kelten, die Treverer, haben vermutlich schon im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. Wein aus dem Mittelmeerraum importiert. Zweifelsfrei belegen lässt sich eine Einfuhr in größerem Umfang jedoch erst für das 1. Jahrhundert v. Chr. durch die Funde zahlreicher Weinamphoren. Die Kultivierung von Reben im Moselland geht hingegen auf die Römer zurück. Durch die Entdeckung von Kelteranlagen (seit den 1970er Jahren) und den archäobotanischen Nachweis von Traubenkernen neben den Pressbecken (in den 1980er Jahren) wissen wir, dass die Römer spätestens im 3. Jahrhundert n. Chr. auch an der Mosel in großem Stil Weinbau betrieben haben – und damit den Grundstein für die deutsche Weinkultur legten.

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