Leseproben ausgewählter Bücher

Alfred Gregor Rosen

Die Zeche der Sommeliers

 

23. Juni 2019 – Gerolstein, 04:10 Uhr

»Schatz!«
Aus dem Schlaf gerissen saß Susanne in panischer Angst aufrecht im Bett.
»Schatz, wach auf!«
Hastig tastete ihre Hand nach dem Lichtschalter der Leselampe am Kopfende des Bettes. Im leicht gedimmten bernsteinfarbenen Licht sah sie, dass ihr nahezu reglos neben ihr liegender Mann sie nicht gehört zu haben schien. In seiner gewohnten linken Seitenlage, hatte er seine Knie angezogen und atmete regelmäßig tief ein und aus.
»Jürgen, wach doch auf, da ist jemand!«, zischelte ihre Stimme in steigernder Panik und rüttelte ihn an seiner Schulter.
Außer einem kurzen Stöhnen zeigte Jürgen keine weitere Regung. Jürgen Kleemann schlief wie ein Stein. Eine lange Dienstreise hatte ihn ausgelaugt. Nach fast vierhundertachtzig Kilometer erwischte ihn knapp sechzig Kilometer vor Gerolstein ein Stau auf der A 48. Eine vorübergehende Vollsperrung aufgrund eines schweren Unfalls kostete ihn gute anderthalb Stunden. Und so kam es, dass er erst vor knapp zwei Stunden heimkam und kurz danach schon zu Bett gegangen war.
Wiederholt rüttelte Susanne an Jürgens Schulter »Mensch, nu werd doch wach!«
Einzig seine innere Wahrnehmung, die sich mit der Schwere des Schlafes vermischte, verlieh ihm das Gefühl, als würde Susanne von weit her mit ihm reden. Er spürte Susannes Hand und er hörte auch, dass sie in ihrer überaus großen Ängstlichkeit etwas sagte. Aber die Schwere des Seins übermannte ihn zu sehr.
Als Susanne zur halboffenen Zimmertür sah, glaubte sie, dass sie einen Lichtschein im Treppenhaus wahrgenommen hatte. »Schatz, bitte, wach auf! Ich habe Angst!«, hob sie ihre Stimme. »Unten ist jemand!« Den Schalter für die Deckenlampe an ihrer Seite traf sie ohne hinzusehen und im gleichen Moment erfüllte eine grelle Helligkeit das gesamte Schlafzimmer.
Als näherte sich sein Bewusstsein wie durch einen Zeitkanal der realen Welt um ihn herum, nahm er nun auch seine Frau wahr. »Ach, Liebes«, murmelte Jürgen, während er langsam sich auf den Rücken drehend seine Augen einen minimalen Spalt weit öffnete. Die Helligkeit der Deckenlampe blendete ihn und schnell hob er seinen rechten Unterarm vor sein Gesicht. Brummig murmelte er: »Es werden vielleicht wieder Marder auf dem Dach sein oder ein Waschbär an der Mülltonne!« Gähnend drehte er sich auf die rechte Seite, zog an seiner Bettdecke und machte Anstalten, seinen Schlaf fortzusetzen.
»Tsss, von wegen Marder oder Waschbär. Da war ein Lichtschein eben im Treppenhaus!«, keifte Susanne zurück. Ihre Angst hatte schon längst ein Stadium erreicht, aus dem sie sich nur mit überzeugenden Gegenbeweisen wieder beruhigen lassen würde. Bei allem Verständnis, dass Jürgen wahrlich seinen Schlaf verdient hatte, so würden keine zehn Pferde sie jetzt dazu bringen, der Sache alleine auf den Grund zu gehen. »Jürgen, ich habe es genau gehört, da war jemand unten auf Parterre. Bitte, lass uns nachsehen.«
Jürgen holte tief Luft, seufzte und sammelte sich kurz. Mit leichtem Schwung setzte er sich auf die Bettkante und mit halb verkniffenen Augen tastete er nach seiner Brille. Stöhnend und immer noch voller Müdigkeit bündelte er seine verbliebene Energie und bemühte sich, einem Streit auszuweichen.
»Uuaahh!«, gähnte er kurz und blickte dann auf seine Armbanduhr, die auf der Ablage neben seiner Betthälfte lag. »Bist du des Wahnsinns? Weißt du wie spät es ist? Wer will denn bei uns schon einbrechen?«
Susanne hätte am liebsten geantwortet, dass Jürgen diese Frage besser mal dem Einbrecher stellen soll. Sie sah aber schnell ein, dass es gerade absolut der falsche Zeitpunkt war, einen Streit zu entfachen. »Ja, es tut mir auch leid, ich weiß wie spät es ist. Aber ich werde wirklich noch wahnsinnig hier in diesem Haus. Es wird Zeit, dass wir bald eine Alarmanlage bekommen. Bitte, Schatz, stehe auf und schau unten nach. Ich habe hundertprozentig Geräusche gehört.«
Jürgens Zehen tasteten nach seinen Hausschuhen. Als er das Gefühl hatte, dass seine Füße ihr Ziel erreicht hatten, versuchte er möglichst ohne Probleme in den freien Stand zu gelangen. Fast motorisch griff er nach seinem Bademantel, der am Haken hinter der Zimmertür hing. Mit einem ausgedehnten weiteren Gähnen schlurfte er auf den oberen Flur und schaltete das Treppenhauslicht an. Dort verharrte er einen kurzen Moment und horchte, ob er etwas Verdächtiges bemerken konnte. Da er tief in seinem Innersten davon ausging, dass ihn Susanne wieder mal mit blindem Alarm aus dem Bett gescheucht hatte, erwartete er weder Auffälligkeiten noch fremde Geräusche.
Susanne hatte zwischenzeitlich die Rollladen des Schlafzimmerfensters einen Spalt weit hoch gelassen und schaute, ob sie vielleicht von oben etwas Bedrohliches außerhalb des Hauses entdecken konnte. Doch der gesamte Garten hinterm Haus lag in fast vollkommener Dunkelheit. Lediglich der Lichtschein einer Straßenlaterne weiter vorne reichte bis zu den Obstbäumen des Nachbargrundstücks. Die Angst, dass tatsächlich jemand Fremdes im Haus sei, raubte ihr fast den Verstand.
Schnell warf auch sie sich ihren Bademantel über und huschte barfuß ihrem Mann hinterher.
Jürgen stand auf der vorletzten Stufe vor dem Parterre, als Susanne sich ängstlich unter seinen linken Arm hakte. »Sei vorsichtig«, hauchte sie.
Jürgen drückte gleich neben sich den Lichtschalter für den Flur. Das Flurlicht erhellte im gleichen Moment nicht nur den gesamten Eingangsbereich, sondern fiel auch durch die offenen Türen der Küche und des Wohnzimmers. Ein kurzer Blick rundum bestätigte Jürgens Annahme, dass niemand im Haus sein konnte. Die Haustür war zu. Weder waren Spuren schmutziger Schuhe auf den weißen Fliesen zu sehen, noch registrierte er einen fremden Geruch. Als Sommelier waren der Geruchs- und der Geschmackssinn bei ihm extrem sensibel ausgeprägt. Es waren nicht nur simple Gerüche individuell fremder Menschen, Schweiß, Tabak, Benzin oder Ausdünstungen von Tieren. Jürgen roch viele Nuancen, die auch dazwischen lagen. Jetzt gerade roch er außer den üblichen Dunstgerüchen der Küche nichts auffällig Fremdes.
Immer noch untergehakt folgte Susanne ihrem Mann zur Wohnzimmertür und betätigte selbst den Lichtschalter hinter der Türzarge. Auch hier war alles an seinem Platz. Da Susanne überzeugt war, dass sie wirklich einen Lichtschein gesehen hatte, war sie auch überzeugt, dass ein Einbrecher noch immer im Haus ist oder kurz zuvor war. Mit aufgerissenen ängstlichen Augen schaute sie sich um, ob irgendwelche Schranktüren und Schubladen offen waren oder vielleicht sogar das eine oder andere auf dem Fußboden verstreut läge. Doch nichts dergleichen war zu sehen. Das Wohnzimmer war ordentlich und sauber. Halt so, wie sie es vor dem Zubettgehen verlassen hatte.
Nun blieb nur noch die Küche, das Gäste-WC und der Keller.
Jürgen befreite sich von Susanne und ging schnellen Schrittes zur Küche. Nachdem er auch dort das Licht angeschaltet hatte und nichts Auffälliges zu sehen war, atmete er leicht gereizt durch. »Nix, Susi, hier ist außer uns beiden niemand. Du hast bestimmt geträumt?« Dann drehte er sich um, schlurfte zur Treppe und wollte möglichst schnell wieder hoch in sein warmes Bett.
»Vielleicht war jemand im Keller?«, flüsterte Susanne voller Angst. »Ich hab ganz sicher was gehört. Von wegen geträumt.«
»Ach Schätzelein«, begann Jürgen schon fast jämmerlich, »die Kellertür ist zusätzlich von außen vergittert und hat ein Sicherheitsschloss. Dieses aufzubrechen macht so viel Lärm, dass selbst die Meiers ganz hinten am Dorfeingang etwas hören würden. Wenn, kann ein Fremder nur in den Keller, wenn er zuvor durch die Haustür hereinkam. Und die ist nun mal immer nachts bei uns abgeschlossen«, versuchte Jürgen Susanne zu beruhigen.
Susanne hatte leicht frierend und ängstlich ihre Arme verschränkt und rieb nachdenklich mit der linken Hand ihr Kinn.
Jürgen, der Susannes Zweifel vertreiben wollte, ging mit langen Schritten zur Haustür. Er drückte den Lichtschalter für die Außenbeleuchtung. Im gleichen Moment konnten beide von drinnen durch die Butzenscheiben der Haustür nach draußen sehen. Die Fläche des äußeren Eingangsbereiches war hell erleuchtet. Sollte wirklich jemand vor der Haustür stehen, würde man ihn jetzt sehen. Doch es stand niemand dort. Um Susanne auch die allerletzten Zweifel zu nehmen, nahm er den Haustürschlüssel vom Brett, steckte ihn ins Schloss und wollte aufschließen. Doch der Schlüssel ließ sich kaum drehen. Verdutzt schaute Jürgen Susanne an. Vielleicht hakte der Schlüssel nur, dachte Jürgen. Also drückte Jürgen den Türgriff nach unten um zu beweisen, dass die Haustür, wie jede Nacht, auch wirklich verschlossen war. Der Schreck fuhr ihm tief in die Knochen, als ihm plötzlich der verglaste Türflügel entgegenkam. Die nun hereinströmende kühle Luft umhüllte sogleich beide. In Schockstarre schauten beide nach draußen. Im hellen Lichtkegel der Außenlampe erblickten sie die gegenüberliegende unverputzte Hauswand des Rohbaus ihrer künftigen Nach-
barn.
In starrem Entsetzen schaute Susanne immer wieder fragend auf die halb geöffnete Haustür und auf Jürgen, der hilflos nach erklärbaren Worten seine Schultern hob.
Von Jürgens fragendem Blick verärgert, keifte Susanne: »Ich weiß, was du jetzt sagen willst. Sag es bitte nicht! Denn ich habe die Haustür selbst abgeschlossen. Das weiß ich ganz genau. Das weiß ich hundertprozentig!«, opponierte sie sich nachhaltig.
Schnell schloss Jürgen wieder die Haustür. »Liebelein, ich mache dir doch keinen Vorwurf. Ich vergesse auch schon mal was. Aber …«, weiter kam Jürgen nicht mit seinen gut gemeinten und beschwichtigenden Worten. Er ahnte, dass durch diese Aussage Susanne noch gereizter reagieren würde.
»Ich gehe nie zu Bett, bevor ich nicht die Haustür abgeschlossen habe!«, brüllte Susanne voller Angst und gleichzeitiger Verärgerung. »Und das weißt du auch!«
Beiden war nun klar, was eine unverschlossene Haustüre bedeutete.
Das war es wohl, mit der Chance, sein Bett noch im halbwegs warmen Zustand wieder aufsuchen zu können. Er fühlte sich matt und kaputt von den letzten anstrengenden Tagen. Aber jetzt war die Stimmung derart aufgeschaukelt, dass es ratsam war, als braver Ehemann einzulenken und seiner Gattin in ihrer Angst ritterlich zur Seite zu stehen. Alles andere würde in einem Streit mit tagelanger Auswirkung enden.
Sollte sich wirklich ein Einbrecher im Haus befinden, dann war dieser aufgrund des lauter gewordenen Disputs und der Festbeleuchtung nun bestens im Bilde, dass die Bewohner wach und ihm auf der Spur waren.
Susannes böser Blick wich allmählich und mit ihrem Kopf deutete sie zur Kellertreppe. »Bitte, Jürgen, bitte, …, sonst kriege ich für die restliche Nacht kein Auge zu.« Denn solange Jürgen Sie nicht vom Gegenteil überzeugte, war sie der festen Annahme, dass ein Einbrecher durchaus auch im Keller sein konnte.
Jürgen drückte den Lichtschalter der Kellertreppe und schlich förmlich hinab, während Susanne am Treppengeländer einige Momente ausharrte und ihm dann zögerlich mit weichen Knien bis zum ersten Treppenabsatz folgte.
Als Jürgen den Flur zwischen den Kellerräumen betrat, spürte er schon einen leichten kühlen Windzug im Gesicht. Im gleichen Moment, als er sich umsah, fiel ihm auf, dass die Kellertür weiter hinten einen Spalt weit offenstand. Der Gedanke an die unverschlossene Haustür und nun die offene Kelleraußentür erzeugten in Jürgen schlagartig Angst. Sollte Susanne tatsächlich Recht behalten? Hatte sich da wirklich jemand Einlass in ihr Haus verschafft?
Er nutzte den Außeneingang zum Keller eigentlich nur, wenn er Wein aus der Garage in sein Weinlager brachte oder umgekehrt, wenn er Wein auf seine Reisen mitnahm. Das war der kürzeste Weg zum Auto. Das letzte Mal hatte er vor sechs Tagen Wein geladen. Susanne hingegen war quasi täglich immer wieder mal im Keller. Dass sie übersehen haben könnte, dass er beim letzten Mal die Tür nicht verschlossen hätte, diesen Gedanken verwarf er sofort. Susanne hatte wirklich jeden Tag einen Grund in den Keller zu müssen und es wäre ihr bestimmt aufgefallen. Im Hobbyraum machte sie meist noch vor dem Frühstück ihre Gymnastik und die Waschmaschine in der daneben liegenden Waschküche lief auch fast jeden zweiten Tag. Sie hätte es garantiert gesehen, wenn die Kelleraußentür offen gewesen wäre.
Ein leises Rascheln war ganz deutlich durch den leicht geöffneten Türspalt zu vernehmen. Verharrend und lauschend schauten beide zur Kellertür. Doch gleich darauf war es wieder still. Als Jürgen wiederholt ein weiteres leises Rascheln hörte, war er sich nun sicher, dass draußen vor der Kellertür jemand sein musste. Vielleicht war es ja auch nur eine Katze oder ein Kleintier, beruhigte er sich. Aber Kleintiere und Katzen öffneten keine verschlossene Kellertür. Vorsicht und Angst dominierten seine Anspannung und sensibilisierten seine Sinne auf das Äußerste.
Vor ihm über der Tür des Hobbyraums, hatte Jürgen einen Baseballschläger der Dodgers als Zierrat angebracht. Diesen hatte er sich als Souvenir von seiner USA-Reise mitgebracht, als er letztes Jahr auf einer Wein-Auktion in Los Angeles war.
Vorsichtig nahm er den Baseballschläger aus der Halterung. Seine Hände umgriffen ihn und seine Armmuskeln spannten sich. Trotz der Kühle rannen ihm Schweißperlen von den Schläfen während er vorsichtig die wenigen Schritte zur Kellertür schlich. Wie konnte es sein, dass ein Einbrecher diese Tür öffnen konnte? Zur Sicherheit hatte er vor Monaten am oberen und unteren Rand des Türblattes jeweils einen Riegel montiert, dessen Schieber in Öffnungen an der Zarge geschoben wurden. Diese Schieber zu öffnen, verursachten metallisch kratzende und quietschende Geräusche. Anscheinend hatten sie es oben im Schlafzimmer überhört.
Wie auch immer, jemand hatte die Riegel an der Kellertür geöffnet. Susanne jedenfalls garantiert nicht. Oder sollte er etwa beim letzten Auto beladen vergessen haben, die Riegel wieder vorzuschieben? Wenn dem so wäre, war nicht auszuschließen, dass der Einbrecher noch immer hier unten im Keller war. Er spürte, dass seine logischen Gedanken aufkommender Angst wichen. Jede Sekunde musste er mit einem Angriff rechnen. Da war es müßig weiter nachzudenken, warum die Riegel nicht geschlossen waren. Langsam hob er den Baseballschläger mit beiden Händen umklammernd seitlich über seine linke Schulter nach oben. Sein Körpergewicht hatte er dabei auf das linke Standbein verlagert. Dabei hielt er nun krampfhaft den Schläger über seinem Kopf. Sollte der Einbrecher noch draußen vor der Kellertür verharren, hätte dieser den Vorteil, dass Jürgens Konturen im Lichtschein des Kellerflurs zu sehen waren. Jürgen hingegen musste spekulieren. Er zog seinen rechten Fuß aus seinem Schlappen und tastete sich mit den Zehen an die leicht offenstehende untere Türkante der Außentür. Da er keine Hände frei hatte, war dies die einzige Möglichkeit, ruckartig die Tür zu öffnen und den dort vermuteten Einbrecher zu eliminieren. Angst gepaart mit Wut erzeugten ausreichend Adrenalin und er würde im gleichen Moment zuschlagen, sobald er hinter der Tür jemand wahrnahm.
Susanne hatte sich zur untersten Stufe der Kellertreppe vorgewagt und beobachtete voller Angst, was Jürgen vorhatte. Demnach war Jürgen wohl jetzt auch überzeugt, dass dort jemand sein musste. Grenzenlose Angst beherrschte sie. Ihr pochender Puls stieg ihr zu Kopf. Sie kannte ihren Mann sehr gut und Jürgens Mut und Fitness hatte Grenzen. Was ist, wenn der Einbrecher eine Waffe hatte und Jürgen überwältigte? Susanne wollte schreien, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt und sie hielt sich starr am Handlauf der Treppe fest. Ihr stockte der Atem.
Jürgens rechte Ferse tastete sich um den unteren Rand der Tür. Das kalte Türblatt bot ausreichend Widerstand. Gleichzeitig spannte er alle seine Muskeln an und zog mit seinem Fuß die Tür mit einem festen Ruck auf. Seine gesamte Körpermotorik war darauf eingestellt, nun zuzuschlagen. Mit einem lauten Krachen prallte die Tür gegen die Innenwand. Im gleichen Moment, als Jürgen den Schläger schon in die Vorwärtsbewegung brachte, schaute er in ein Nichts! Der Lichtschein des Kellerflures erhellte vor ihm die verschlossene Gittertür und die dahinter liegende geklinkerte Wand der Außentreppe. Nichts! Dort stand kein Einbrecher. Wenn er jetzt zugeschlagen hätte, hätte er lediglich seinen Baseballschläger an den Metallstäben der Sicherheitstür zertrümmert.
Tiefe Atemzüge halfen ihm, seinen erhöhten Puls wieder auf ein Normalmaß zu bringen. Vor ihm spielte der Wind mit trockenem Laub, dass sich auf dem Podest vor der Tür verfangen hatte. Dies erklärte die Geräusche, die er gehört hatte.
Mit der freien rechten Hand schloss er die Kellertür und schob geräuschvoll die beiden Sicherheitsschieber in die Öffnungen an der Zarge. Als er sich umdrehte, sah er Susanne, die auf der untersten Treppenstufe stand und voller Angst ihre Arme zitternd um ihren Kopf verschlungen hatte.
Die Angst löste sich nur unwesentlich, nachdem nun feststand, dass sich kein Einbrecher hinter der Kellertür versteckt hatte. Wie konnte er seine Frau beruhigen? Bemüht eine beschwichtigende Stimmlage zu treffen fragte er: »Schatz, hattest du gestern hier unten mal gelüftet? Die Kellertür stand einen Spalt weit auf.« Im gleichen Moment, als er diese beiden Sätze ausgesprochen hatte, wurde ihm bewusst, dass er genau das Gegenteil erreichte, was er eigentlich wollte.
»Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich irgendwo im Haus etwas öffne, dass ich über Nacht auch geöffnet lasse? Gerade im Keller könnten über die Außentür Mäuse, Ratten, Spinnen und sonst was reinkommen.« Susanne zitterte am ganzen Körper und mit gesteigerter Wut sagte sie: »Nein, ich habe nicht gelüftet. Jedenfalls nicht im Keller. Und nein, diese Tür habe ich schon ewig nicht mehr geöffnet. Wenn, dann doch wohl du, wenn du Wein gepackt hast.«
Susanne drehte sich auf der Stelle um und ging wütend die Stufen nach oben. Jürgen folgte ihr ratlos und devot. Völlig in Gedanken versunken hatte er immer noch den Baseballschläger krampfhaft in den Händen.
»Na, so ganz scheint dir die nächtliche Ruhestörung ja wohl auch nicht egal zu sein, was du da gerade abgezogen hast, mein heldenhafter Ritter!«, bemerkte Susanne, als sie die oberste Treppenstufe erreichte.
Auf Jürgen wirkten Susannes Worte wie nachtreten. Er schaute sie verlegen von drei Stufen unterhalb an und ließ den Schläger mehrmals in die Innenfläche seiner linken Hand fallen. Obwohl es keineswegs auch nur im Ansatz seine Absicht war, so sah es aus, als wollte er mit seiner Drohgebärde den Baseballschläger nutzen um vor Susannes Verbalattacken Ruhe zu haben.
»Ach so ist das! Mann erschlägt Frau von hinten mit Baseballschläger, nur weil sie Angst vor Einbrechern hat!«, keifte Susanne.
Jürgen war seine falsch verstandene Körpersprache in diesem Moment peinlich. Da er müde war und auch keine Lust auf Einbrecherjagen samt Streit mit Susanne hatte, wollte er nur noch nach oben ins Bett. Nochmals in den Keller zu gehen und diese Holzkeule an seinen Platz bringen, dazu hatte er keine Lust. Auf Parterre angekommen, ging er in die Küche um dort den Baseballschläger auf einem Stuhl am Küchentisch abzulegen. Doch was war das? Erstaunt schaute er auf eine Flasche Rotwein mitten auf dem Küchentisch.
Verdrängend, dass sie noch immer Gefahr liefen, dass ein Einbrecher im Haus sein konnte, fragte er erstaunt und ganz im Stil eines von Wein besessenen Sommeliers: »Wo hast du denn diese tolle Flasche her?«
»Wie? Was?«, fragte Susanne, die gerade gegenüber dem Flur das Licht im Wohnzimmer ausschaltete.
Jürgen nahm die Flasche in die Hand und las sofort das Etikett.

Appellation Communale
Celliers de Morgois
2016

Als hätte eine unbekannte Hand einen Hebel in ihm umgelegt, vergaß Jürgen schlagartig alle Aufregung der letzten Minuten und tauchte sofort in die Welt edler Weingenüsse. »Na, das ist ja was Feines. Aber ich habe doch noch gar keinen Geburtstag!«, sagte er plötzlich wie ausgewechselt mit erfreuter Stimme.

 

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