Joachim Heyna
Der Natur schrecklich schön’ Gewalten
Ein Ahrtaldrama
1 – Saccharomyces Walpredeshoven
Kühl – animierend – spannend!
So erlebt Philipp Dutsch die bauchige Sektflasche in seiner Hand. Und so beginnt ein neues, prickelndes Kapitel in seinem Leben. Behutsam nimmt der junge Mann den Glasbehälter aus dem selbstgebauten Neck-Freezer. Er betrachtet die Hefe im Flaschenhals. Sorgfältig abgerüttelt wartet sie dort als vereister Pfropfen auf ihre Befreiung. Kaltdegorgieren nennen die Fachleute das. Phil liest das handgeschriebene Etikett: 893 / wphim – 50pn, 30pm, 20ch – Hefelager ab 22/8/20, heißt es da. Sein Urgroßvater Benedikt nickt ihm zu. »Na, los! Worauf wartest du? Was kann schon passieren?«
Nicht viel – und doch eine ganze Menge. Phil hätte Gründe genug, diesen Augenblick hinauszuzögern, bis morgen zu warten, oder bis übermorgen, bis irgendwann.
Aber heute ist der zweiundzwanzigste Mai 2021. An diesem Pfingstsamstag liegt der 893 seit genau neun Monaten auf der Hefe. Genau so lange, wie das Weinrecht es für Winzersekte vorschreibt. Wenn der ganze Aufwand, den Phil und Ben seit Jahren treiben, weiter einen Sinn ergeben soll, muss es heute sein: Dieser Ansatz eines Winzersektes muss nach exakt derselben Frist probiert werden wie dutzende Kollegen vor ihm – wobei die Nummer nichts über die Menge aussagt. Vielmehr codiert sie die Parameter: Hefe Nummer acht, Versuchsreihe neun, Variante drei. Benedikts System. Akribisch wie alles, was der Alte macht.
»Was ist?«, fragt Ben. »Hast du Angst?«
Der junge Mann hält die Flasche über den Spülstein und setzt den Kapselheber an. »Angst wäre das falsche Wort«, sagt er. »Nennen wir es Befürchtung. Ja, ich fürchte, dass es wieder und wieder nur ein ganz normaler Sekt ist.« Und weil er Benedikts Reaktion vorausahnt, setzt er hinzu: »Ich weiß: Eine Versuchsreihe …«
»… ist nur dann eine Versuchsreihe, wenn man peinlich genau dieselben Bedingungen einhält«, ergänzt der Urgroßvater schmunzelnd eine der ehernen Regeln ihrer Zusammenarbeit.
Diese Regeln waren seine Bedingung. Vor nun beinahe sieben Jahren hatte Benedikt Dutsch dem »Spleen« seines Urenkels nachgegeben und sich zu dessen Komplizen gemacht.
»Spleen« – so hatte er Phils Idee damals wortwörtlich genannt. Ehe ihm klar wurde, wie ernst sein Urenkel es meint. Seitdem legen die beiden im Labor des alten Winzers einen Ansatz nach dem anderen auf die Hefe. Genauer gesagt: auf die Hefen. Denn darum geht es: Der Önologiestudent Philipp Dutsch hat sich in den Kopf gesetzt, so lange verschiedene Hefen, Grundweine und Cuvées zu variieren, bis ein ganz besonderer Sekt, bis der »typische Ahrtalsekt« entstanden ist. Ein Sekt, der den Charakter dieses Anbaugebietes wie nie zuvor herauskristallisiert und unverwechselbar zur Geltung bringt.
Sieben Jahre. Nicht nur einmal haben die beiden während dieser Zeit an einem ähnlichen Wendepunkt gestanden. Nicht nur einmal ist Phil im Begriff gewesen, seine Pläne zu begraben, seine Beharrlichkeit herzuschenken. Und nicht nur einmal hat Ben ihn überzeugt, dass ein derartiges Projekt erst dann zu Ende sei, wenn auch er, der lange skeptische Uropa, keine Hoffnung mehr habe.
»Mag sein«, sagt er also auch jetzt, »dass es wieder nichts ist. Dann wird es eben der nächste. Oder der übernächste, irgendwann.«
Das entspringt weniger einer unumstößlichen Überzeugung, denn der Liebe, die er für seinen Urenkel empfindet. Brächen sie die Versuchsreihe nach so langer Zeit ohne triftigen Grund erfolglos ab, hätte dies Folgen für Phils Selbstbewusstsein. Das will er dem Jungen ersparen, solange er noch kann. Mit seinen neunzig Lenzen ist der Dernauer beneidenswert in Form. Aber er hat am eigenen Leib erlebt, wie schnell und unerwartet sich Dinge ändern. Als seine geliebte Clara vor nicht einmal einem Jahr von ihm gegangen ist, hätte er tags zuvor noch gewettet, sie feierten gesund und munter ihre Platin-Hochzeit. Zudem hat auch Benedikt sich im Laufe der gemeinsamen Forschungen in das »etwas spinnerte Projekt« hineingesteigert. Hat zuerst zweifelnd, dann staunend und schließlich bewundernd realisiert, wie hartnäckig und entschlossen sein Urenkel ist. Hat begriffen, dass es dem Jungen um etwas ganz Besonderes geht. Der »typische Ahrtalsekt« ist Phils Berufung, sein Lebensziel. So, wie es für den jungen Benedikt damals der Umbau des elterlichen Betriebes in ein Weingut der Spitzenklasse war. Ach, was waren das für glückliche Zeiten, als Clara mit dem Alten Wingert die feinste Frühburgunderlage Dernaus mit in die Ehe brachte …
So ist es nach ihrem Tod auch zu Bens größtem Wunsch gereift, die Geburt eines »typischen Ahrtalsektes« noch zu erleben.
Mit einem »Zisch!« schießt der Hefepfropfen aus dem Flaschenhals. Nach einer schwungvollen Drehung gießt Phil die schäumende Cuvée in ein Glas: goldbronzener Überschwang mit kupfernen Reflexen. 50pn, 30pm, 20ch – 50 Prozent Pinot Noir, 30 Prozent Pinot Madeleine und 20 Prozent Chardonnay. Das ist die erste Mischung, die heute zur Verkostung antritt. Mischung 893 – ebenso wie all ihre Vorgängerinnen nach langem Probieren und Abwägen von den beiden Forschern zur zweiten Gärung angesetzt. Der Student der Önologie reicht seinem Ur, wie er den Alten liebevoll nennt, das Glas und lässt das seine feierlich dagegen klingen. »Nun also«, sagt er. »Die Perlage kann sich jedenfalls sehen lassen.«
»Mmh«, antwortet Ben nur. Der Alte führt seine Nase in den Sektkelch, um die Spontanaromen zu erfassen. Seine Miene hellt sich auf. Das, was ihm entgegenduftet, ist auffallend. Macht neugierig.
Auch Phil ist verblüfft. Der erste Eindruck ist bemerkenswert. Mit geschärften Sinnen sucht er zu ergründen: Ist das eine vom Wunderglauben genährte, umso flüchtigere Wahrnehmung – oder ist es mehr? Mit skeptischer Gespanntheit schwenkt er den Sekt im Glas, um ihn weiter zu öffnen, dann lässt er die Aromen erneut durch seine Nasenflügel strömen. Jetzt treten Weißdornblüte, grüner Apfel und nasser Stein hervor, und ja: Dahinter liegt wieder etwas Reiferes, Gediegenes. Phils Hoffnung gewinnt Kontur. Und auch sein Ur beginnt zu ahnen, dass heute etwas anders ist, dass heute etwas Entscheidendes geschehen könnte. Noch einmal lassen die beiden den Winzersekt 893 bis an den Rand ihrer Gläser tanzen, und noch einmal hinterfragen sie dessen Düfte ebenso erwartungsfroh wie kritisch …
Dann trinken sie. Trinken mit einer einzigen, bestimmten Frage: Ist dieses Versprechen an Ausgewogenheit aus Blume, Frucht und Würze auch geschmacklich zu halten? Und vor allem: Ist diese unerwartet erlebte Reife und Fülle belastbar?
Phil und Ben schauen sich wortlos an: Ja! – dieser Moment um 16.59 Uhr am Pfingstsamstag des Jahres 2021 hat das Potenzial für eine Sternstunde. Und genau deshalb dividieren sie nun ein letztes Mal den 893 sorgfältig in seine Eindrücke, um ganz sicher zu sein.
Denn bevor das Triumphale obsiegt, müssen Momente, die ein Leben verändern, sich untrüglich über die bange Ahnung erheben, ob am Ende nicht doch alles Einbildung ist. Ob ein durch sieben Jahre langes Warten und Zweifeln mürbe gewordenes Wunschdenken sich durch Vorspiegelung falscher Tatsachen nur erschöpft aus der Verantwortung zu ziehen versucht.
Also nicken die beiden Männer sich zu. Und nehmen den letzten Schluck. So unvoreingenommen, wie es nur möglich ist. Lassen alles an Wissen und Erfahrung antreten, was ihr Leben und ihr Studium für solche Zwecke bereitstellt, und kalkulieren dabei auch die Effekte, die Versanddosage und Schwefel später mit sich bringen werden.
Aber ihr Versuch, das Besondere an diesem Sekt der Täuschung überführen zu wollen, besiegelt umso mehr dessen unleugbare Existenz.
Samstag, zweiundzwanzigster Mai 2021. Um 17.07 Uhr an diesem denkwürdigen Tag lassen Benedikt und Philipp Dutsch ihrem Jubel freien Lauf: »Das ist … Jaaaa!«, »Wow!!!«, »Ey … Ich …«, »Was ist das denn? Glaubst du das?«
Und endlich fallen sie sich in die Arme. Halten sich fest, ganz fest, und feiern diese sensationelle Acht-neun-drei und ihre Liebe zueinander.
Dann muss Benedikt sich setzen. Der Alte versucht, seine Rührung zu kontrollieren, schnieft und schnäuzt seine Verlegenheit in ein Stofftaschentuch, zieht seine erkaltete Pfeife aus dem Rock und zündet sie mit leicht zittrigen Händen an. »Respekt«, sagt er durch die erste Rauchwolke. »Wenn ich ehrlich sein soll, das hätte ich nicht erwartet.«
Auch Phil ist ergriffen. Sein jugendlicher Elan indes verströmt die heißen Wallungen lieber in einem Freudentanz. Schon pirouettiert er zum Vereiser, entnimmt die nächste Flasche, lässt den Kronenkorken übermütig auf die Fliesen des Labors trudeln und gießt ein. »Voilà, monsieur, le numéro huit cent quatre-vingt-quatorze ! Cuvée de cinquante pour cent Pinot madeleine et Pinot noir. Goûtez !«, deklariert er akzentfrei.
Diese Marotte hat er von seiner Mutter. Auch Sonja Dutsch wechselt in emotionalen Momenten gerne ins Französische. Das liegt an ihrer Vergangenheit. Sonja war mit einem Franzosen verheiratet. Lange her. Auch Phil hat seit beinahe fünfzehn Jahren keinen Kontakt mehr zu seinem Vater Bob Giggs, aber dessen Sprache pflegt der Junge so fleißig und gewissenhaft wie seine Hefestämme.
Sowohl der 894 als auch die beiden nächsten Proben an diesem denkwürdigen Tag sind von derselben Intensität. Ob die 50:50-Cuvée aus den Früh- und Spätburgunder-Blancs oder die sortenreinen Sekte aus Riesling und Chardonnay – sie alle bestätigen das »Außergewöhnliche einer besonderen Versuchsreihe.« Dieses Fazit glaubt Phil nun ziehen zu dürfen, und er ergänzt: »Solche Tertiäraromen habe ich in diesem frühen Stadium noch nie geschmeckt. Diese Reihe ist durchweg mega. Mein Favorit aber ist und bleibt der 893. Ein Ahrtalsekt, wie ich ihn mir immer erträumt habe!« Jetzt hält er inne und sagt feierlich: »Das ist dein Verdienst.«
»Meiner?«, zeigt Ben sich überrascht.
»Ja. Es war deine Idee, den Chardonnay-Anteil zu erhöhen. Der sorgt für die extra Portion Finesse, die noch gefehlt hat.«
»Wärst du früher oder später selber drauf gekommen. Nein, mein Junge, Ehre, wem Ehre gebührt …« Der Alte steht auf, legt eine Hand auf die Schulter seines Urenkels und sagt mit bewegter Stimme: »Ohne deine Beharrlichkeit …«
»Sturheit!«
»Meinetwegen Sturheit. Ich weiß, das habe ich nicht nur einmal gesagt. Ohne die hätten wir jedenfalls nie so lange durchgehalten. Das liegt am Dutsch’schen Gen. Einfach immer weitermachen. Hast du teilweise von mir. Denn das Sture daran kommt von deiner Mutter.«
Phil sieht das stolz-gerührte Gesicht seines Uropas und bewahrt es im selben Moment für die Ewigkeit. Kostbare Erinnerung an den Tag, an dem sein Traum sich erhob, Wirklichkeit zu werden: Der Aufbau einer eigenen Sektmanufaktur. Dieses Bild von seinem Ur wird ihm gleichsam ein Faustpfand sein – gegen all die Situationen, die noch auf ihn warten und ihm einzureden versuchen, es lohne nicht, an sich und seine Träume zu glauben.
Der Student wischt sich mit dem Handrücken in Fassung zurück. »Bei aller Freundschaft, Ur, aber entscheidend ist etwas anderes«, reklamiert er.
»Die Hefe aus dem Himmelchen!«, ahnt Benedikt und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife.
Phil nickt. »Genau! Die Hefe aus dem Walporzheimer Himmelchen ist der eigentliche Schlüssel«, zeigt er sich überzeugt. »Sie arbeitet nicht nur die gebietstypischen Besonderheiten heraus, sie bringt vor allem diese reifen Aromen mit.«
»Obwohl du weißt, dass das Konzept einer Terroir-Hefe sich wissenschaftlich nicht belegen lässt?«, gibt der Ur zu bedenken.
»Warum hat keiner unserer Sekte jemals dieses Aromenprofil gezeigt?«, kontert Phil und hebt das Glas mit dem 896 in die Höhe. Und da Ben nichts sagt, setzt er hinzu: »Weil es die neue Hefe sein muss. Erinnerst du dich, ausgerechnet im Himmelchen hast du von Anfang an die Pressrückstände und das Geläger mit in den Boden gearbeitet. Nur dort. ›Du mit deinem Biofimmel‹, habe ich damals geschimpft. Heute sage ich: Du hast dem Wingert seine ureigenen Organismen zurückgegeben und die Entwicklung eines neuen Hefestammes befördert! Jedenfalls haben wir diese Hefe aus dem Himmelchen selektiert und erst ab dem 893er genutzt.«
Ben überlegt. Auch nach seiner Erinnerung sind alle bisherigen Sekte nicht mit den heutigen vergleichbar. »Der von dir unterstellte Zusammenhang ist zwar nur empirisch«, meint er, »aber er kollidiert zumindest nicht mit der Forschung. Wir sollten dennoch eine Gegenprobe veranstalten.« Er nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife. »Weißt du, was Clara immer gesagt hat? ›Ihr zwei – gleich stur, gleich verrückt.‹ Sie hatte recht. Aber genau diese Sturheit hat uns hierhergebracht. Zu diesem Moment. Und der gehört uns, mein Junge.«
Phil lacht. »Wir sind beide die Väter!«, sagt er. »Du mit deinem Biofimmel und ich mit meiner Hartnäckigkeit.«
Ben findet Gefallen an einem plötzlichen Gedanken. »Mensch, Phil. Wenn du Recht behältst, punktet das Weingut Weber-Dutsch bald schon mit einem Alleinstellungsmerkmal. Ahrtal-Cuvée exklusiv! Mit diesem einmaligen Sekt setzen wir unserem Angebot eine echte Krone auf.«
Phil zuckt zusammen, ohne dass der Alte es bemerkt. Also spinnt Ben munter weiter: »Wir müssen sie umgehend anmelden und schützen lassen. Denn eins ist sicher, eine solche Hefe wird Begehrlichkeiten wecken. – He, was ist? Hörst du mir zu?« Erst jetzt spüren seine Antennen: Da steht plötzlich ein Unbehagen im Raum. Aber er kann es nicht greifen.
Phil schweigt. Mit einem einzigen Satz könnte er es auflösen: Ich will keine Weingut-Übernahme, ich will meine eigene Manufaktur. Aber in Bens Augen brennt eine Hoffnung, die Phil seit Claras Tod nicht mehr gesehen hat. Der Ur malt sich aus, wie sie gemeinsam das Weingut krönen. Wie sie endgültig beweisen, dass auch die Dutschs zur Elite gehören.
Und Phil soll ihm jetzt sagen: Das war nie mein Plan?
Nicht heute. Nicht an diesem Tag des Triumphes.
Dieser Blick. Lange hält Phil das nicht mehr aus. Sieben Jahre gemeinsamer Weg. Und am glorreichen Ende soll er Ben verraten?
»Ich Idiot!«, ruft er. »Heute spielt doch der FC!« Der junge Mann schaut auf die Uhr und springt zu einem Radio, das längst vergessen im Laborregal verstaubt. »Wie spät ist es?«
Benedikt wundert sich. Wie oft schon hat sein Urenkel den Fußball vergessen. Vor allem dann, wenn es um die Versektung ging. Phil ist FC-Fan, weil es die meisten hier in Dernau sind. Mehr aber auch nicht. Umso verdächtiger mutet seine plötzliche Erregung an. »Lass stecken«, sagt Ben. »Das Ding ist kaputt. Müsstest du eigentlich wissen.« Und da Phil nur verlegen wegschaut, bringt er seinen Vorschlag in Erinnerung: »Ich sagte, wir müssen diese Hefe anmelden. Sortenschutz. Die ist Gold wert.«
Phil nickt. »Dann schließt du aber in Zukunft die Labortür wieder ab. Heute Morgen war sie nur angelehnt.«
»Ist mir noch nie passiert«, gibt der Neunzigjährige sich betont kleinlaut und verspricht: »Passe ab sofort besser auf.« Aber sein Argwohn bleibt.
Während Phil Flaschen und Gerätschaften verstaut, kommt seinem Ur ein charmanter Gedanke: »Achthundertdreiundneunzig«, sagt er. »Passt!« Und da Phil ihn verständnislos ansieht, setzt er hinzu: »Das Geburtsjahr unseres Heimatortes. Ist das nicht ein schöner Zufall?«
»Alter Hut«, winkt Phil ab. »Hatten wir schon im dritten Schuljahr.« Dennoch schaut er versonnen auf das Etikett. »Cuvée acht-dreiundneunzig«, sagt er. »Wäre in der Tat ein schöner Name für den Premiumsekt.« Und dann entfährt ihm eine kleine Unachtsamkeit: »Soviel ich weiß, gilt das auch für Walporzheim. Walpredeshoven – wie Dernau erstmalig erwähnt im Jahre achthundertdreiundneunzig.«
Schon erscheint die ehemalige Provinzial-Wein- und Obstbauschule in Walporzheim vor seinem geistigen Auge – Philipp Dutsch sieht ausgerechnet in diesem Anwesen seinen geheimen Traum verwirklicht, und mag er auch noch so unrealistisch sein. In dem historistischen Gebäude befindet sich die Weinfabrik Bonovinum von Dieter Hopper. Noch. Denn man munkelt, er müsse verkaufen.
»Warum Walporzheim?«, fragt Ben, ohne zu wissen, dass er damit eine Fährte aufnimmt.
»Du bist gut«, sagt Phil schnell. Und zeigt auf das Etikett: »We-pe-him. Walporzheimer Himmelchen. Dernau hin oder her. Die Hefe ist nun mal aus Walporzheim.« Und mit einer theatralischen Geste fügt er hinzu: »Nennen wir sie Saccharomyces Walpredeshoven!«
»Ja«, sagt der Alte. »Oder so ähnlich.« Sein mulmiges Gefühl wird stärker. Er kramt aus der Schublade des Labortisches ein Vorhängeschloss und hält es in die Höhe. »Das bringe ich morgen am Kühlschrank an«, versichert er und wagt eine Finte: »Aber jetzt gehen wir feiern. Ich bin gespannt, was Sonja und Karl sagen!«
»Ich auch«, sagt Phil. »Aber erst, wenn ich dazu bereit bin.«
Hat Ben richtig gehört? Verdammt, was hat sein Urenkel zu verbergen? »Was ist los?«, fragt er. »Willst du die Entdeckung einer himmlischen Hefe nicht feiern? Wir haben sieben Jahre auf diesen Moment gewartet!«
»Nein!« Phils Ansage klingt unerwartet scharf. »Noch nicht. Bitte.«
Und dann herrscht erst einmal peinliche Stille.
Die »inständige Bitte« des Jungen, der Ur möge ihre Entdeckung noch eine Weile für sich behalten, hat zwei gewichtige Gründe. Da sind zum einen Phils persönliche Erfahrungen. Sie geben dem Jungen auf, seinen eigenen Weg zu gehen. Grundsätzlich, ohne Wenn und Aber. Viel zu lange, so glaubt er, habe er als »Mischling« immer versucht, es allen recht zu machen.
Überdies kollidieren Phils Pläne mit dem, was seine Familie mit ihm vorhat. Ausgerechnet er soll das Weingut Weber-Dutsch in die nächste Generation führen. Der Student aber träumt davon, eine eigene Sektmanufaktur im Ahrtal aufzubauen. Die Übernahme des Weingutes wäre nicht eigener, sondern vererbter Ruhm! Sie folgte einer Lebensplanung, bei der nicht er, sondern seine Mutter und die Weber-Brüder Regie führten. Ohne ihn zu fragen, haben sie Phils Personalie zum entscheidenden Argument für die Aufnahme des Weingutes in den VDP gemacht. Das war des Guten zu viel.
Der Student ist sich der Erschütterungen bewusst, die seine Fahnenflucht mit sich brächte. Bevor er also sein »eigenes Ding Sektmanufaktur« an die Glocke von Sankt Johannes Apostel hängt, braucht er Gewissheiten. Die erste und wichtigste wurde ihm heute beschert: Die »Ahrtalhefe« ist kein Hirngespinst mehr – mit der Saccharomyces Walpredeshoven besitzt Philipp Dutsch den Türöffner für all das, was er mit der Wiederbelebung des »sparkling wine from Walporzheim« verbindet. Denn so betitelt er seine Vision: Was in napoleonischer Zeit das kleine Weinanbaugebiet weit über die Grenzen hinaus bekannt machte, soll durch seine Sektmanufaktur eine Renaissance erleben. Phil ist sicher: Jenseits des Champagners hatten und haben besondere Spezialitäten immer ihren Markt, etwa der Crémant d’Alsace oder der Blanquette de Limoux. Warum nicht auch wieder der »sparkling wine from Walporzheim« oder – wie er damals zu Recht genannt wurde – der »Ahr-Champagner«? Für dessen Wiederauferstehung wird der 893 stehen, ein Sekt von ganz besonderer Hefe und erlesenem Goût!
Jetzt geht es darum, die eigenen Träume und Visionen auf festen Boden zu stellen. Jetzt braucht Phil die Bestätigung von Fachleuten. Eine von ihnen ist Agnieszka Frosch, die Chefin des Restaurants Bubenstück in Mayschoß. Nicht zuletzt dank ihrer Experimentierfreude hat sie sich einen Namen in der hiesigen Gastronomie gemacht. In Frankreich ausgebildet findet Agnieszka es selbstverständlich, Schaumweine als ideale Speisebegleiter zu empfehlen. Warum nicht auch im Bubenstück? Agnieszka ist die erste, die Phil kontaktieren will.
Und Ben? Ohne die Hilfe, den immerwährenden Zuspruch und den Instinkt des Ur wäre der 893 nie entdeckt worden. Der Junge sieht das gequälte Gesicht seines Partners. Nach dem Bubenstück sag ich’s ihm, nimmt er sich vor.
»Du verbirgst mir etwas«, sagt der Ur jetzt. »Stimmt’s? Da gibt es etwas, das auch ich wissen müsste.« Nachdenklich bekaut er dabei das Mundstück seiner Pfeife.
Mit einem schrillen Klingelton fährt Phils Smartphone in das Schweigen. Auf dem Display erstrahlt das Gesicht von Martine von Gernsheim, seiner Kommilitonin aus Geisenheim.
Kommilitonin – nicht mehr? Phil weiß es nicht. Er weiß nur: Wenn Martine sich meldet, geraten seine Gefühle in Aufruhr. Und in Streit. Darüber, ob er nicht längst mit ihr schlafen sollte. Oder ob er ihr nicht doch, einer höheren Verantwortung folgend, klarmachen soll, dass seine und Martines Definition von einer Beziehung in einem entscheidenden Punkt voneinander abweichen. Aber viel zu sehr lockt ihn das Verführerische. Und so ist Martines Bedeutung für Phil ebenso untrennbar wie flexibel damit verbunden, welche seiner Beweggründe gerade die Oberhand haben. Heute kommt die Frau in den seltenen Genuss, Retterin in der Not zu sein.
»Das ist Martine!«, ruft Phil. »Eine Freundin. Aus Geisenheim.« Und um den Ur vollends zu überzeugen, dass diese Störung eine willkommene ist, hält er ihm Martines Profilbild unter die Nase.
»Ja«, gibt Benedikt gerne zu. »Ein attraktives Mädchen.«
Der Alte macht sich nichts vor. Heute ist mit seinem Urenkel nicht mehr zu reden. »Mannomann«, zwinkert er also vertraulich. »Da könnte selbst ich noch einmal schwach werden.«
»Genau darauf legt sie es an«, murmelt Phil.
Ben hört die überschwängliche Begrüßung seines Urenkels und denkt: Was immer der Kerl ausbrütet, wenn er es mit derselben Konsequenz verfolgt wie die Sache mit dem Ahrtalsekt, drohen unruhige Zeiten. Wie damals, als Sonja mit dem fünfjährigen Phil aus München zurückkehrte und glaubte, in Dernau und Ahrweiler seien alle begeistert darüber.
