Leseproben ausgewählter Bücher

Michael Warnke

Wege in und aus der Katastrophe

 

Ausgangslage

Nach 1937 wurde von der Reichsführung das ruhige Fahrwasser der Politik nun endgültig verlassen. Die erste Untiefe tauchte mit dem Kunststaat Tschechoslowakei auf. Die mittelosteuropäische Situation war bekanntlich durch engste Nachbarschaft vieler und auch verschiedenster ethnischer Gemeinschaften charakterisiert, die durch Jahrhunderte gezeigt hatten, dass sie zu durchaus konstruktiver, wenn auch nicht konfliktfreier Interaktion fähig waren. Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und später die Österreichisch-Ungarische Doppelmonarchie vermochten diesen Zustand in einer durchaus funktionierenden Balance zu halten. Als aber mit dem späten 18. Jahrhundert sich in ganz Europa langsam Öffentlichkeit herauszubilden begann und das neue Medium Zeitung Pionierarbeit bei der Entstehung der öffentlichen Meinung leistete, entstanden sehr schnell diskursive Konfigurationen. Zumindest in der Welt der Ideen entfalteten sich die Elemente des politischen Westens. Dazu gehörten die Freiheit, die Gleichheit, die Demokratie, die Teilung der Gewalten, die Geburt der Gesellschaft, die Mündigkeit des Individuums und die Definition seiner Rechte. Und all das musste gegen die Mächte des Alten und als Verfassung gegenüber damaligen und späteren He­rausforderungen durchgesetzt werden.
Die dazu notwendige Organisation politischer Macht sollte nun auf dem basieren, was von den meisten der beteiligten Denker, wenn auch mit Unterschieden, als Nation verstanden wurde. Sie bezeichnete eine untereinander zumindest verwandte ethnische Gemeinschaft, ein gemeinsames kulturelles Erbe, einen gemeinsamen Wirtschaftsraum eine gemeinsame Sprache und eine aus all diesem heraus entstandene politische Gemeinschaft. Es versteht sich, dass darunter selbstredend auch die Schweizerische Eidgenossenschaft verstanden werden konnte, da sich hier im Verlauf vieler Jahrhunderte aus drei, genau genommen vier, ethnischen und sprachlichen Kernelementen ein neuer Aggregatzustand herausgebildet hatte, den man als Willensnation bezeichnet. Bestimmt trifft es auch auf Spanien, Portugal und Großbritannien zu. Aufgrund des Unabhängigkeitskrieges und des Bürgerkrieges auf die Vereinigten Staaten. Und man kann hinzufügen Italien, wenn auch durch französische und vor allem Inventionen der K.-u.-K.-Monarchie in diesem Fall der Prozess verzögert wurde. Selbiges ist auch in Bezug auf Deutschland nicht anders. Der Dreißigjährige Krieg zerstörte das Land, unterbrach den Verdichtungsprozess, der im französischen und britischen Fall zur Entstehung der Nation führte, um Jahrhunderte und führte zu einer verzögerten bürgerlichen Entwicklung, so dass es bei den deutschen Historikern des späten 20. Jahrhunderts fast schon Mode wurde, von einem deutschen Sonderweg zu sprechen. Und dennoch kann man feststellen, dass wohl so etwas wie eine deutsche Nation entstanden ist, wenn auch in aktuellen und prominenten politischen Kreisen gegenwärtig die Meinung an Boden gewinnt, besser nicht von Nation und Land zu sprechen, sondern von denen, die gestern gekommen sind, denen die heute kommen und jenen die morgen kommen werden. Aber jetzt kommt der große Einwand gegen die Nation, für Ostmitteleuropa taugte sie nicht und bildete dort für die nächsten Jahrzehnte einen ausgezeichneten Nährboden für Mord- und Totschlag. Den Pariser Vorortverträgen, besser Diktaten nach Beendigung des ersten Weltkrieges, verdankte diese Brucharchitektur ihre Entstehung.

 

München

Neben Jugoslawien entstand die Tschechoslowakei, die wie die Schweiz mehrere Ethnien aufwies, aber keine Anzeichen, sich zu einer Willensnation zu bilden. Die Tschechen bildeten den entscheidenden politischen Faktor, der die anderen Gruppierungen: die Slowaken, die Deutschen, Ruthenen, Ungarn, Polen und Ukrainer offen als Konkurrenten betrachtete. Aber die Installierung dieser Staaten sollte ja auch nicht dem Vergnügen, sondern der Einschränkung und Kontrolle deutscher Macht dienen. Als Garanten und Wächter sahen sich die Entente-Mächte Frankreich und Großbritannien. Die Deutschen, die vor allem im tschechischen Raum mit ca. 3,5 Millionen Menschen eine starke Minderheit und in ihrem Siedlungsgebiet mit der Ausnahme Prags, die absolute Mehrheit bildeten, waren selbst, wenn sie republikanisch oder sozialdemokratisch eingestellt waren, nicht glücklich. In den Zeiten der Weimarer Republik wurde ihnen allerdings von dieser so gut wie keinerlei Unterstützung zuteil, so dass den außenpolitischen Bemühungen des nationalsozialistischen Regimes, auf diese Gruppe Einfluss zu nehmen, nur zu leicht Erfolg zuteilwurde. Hinzu kommt, dass die Tschechoslowakei, wohl auch, weil es dort rein deutsche Gebiete gab, ein beliebter Exilzielort für die deutsche Opposition gegenüber Hitler wurde. Dieses Nest hätte man liebend gern ausgeräuchert. Interne politische Konflikte zwischen Deutschen und Tschechen wurden also von der Seite der deutschen Regierung nach Kräften mit Munition versorgt, um die Sache zum Sieden zu bringen. Dieser Zustand wurde dann ab Frühjahr 1938 auch erreicht. Es führte u. a. dazu, dass die tschechischen Streitkräfte mobil gemacht wurden und manche Beobachter neben dem spanischen Bürgerkrieg noch einen neuen europäischen Krieg heraufziehen sahen.
Die tschechischen Streitkräfte waren bestens ausgestattet, zum großen Teil mit Waffen aus eigener Produktion (Skoda) und theoretisch ein ernstzunehmender militärischer Gegner. Hinzu kommt, dass die deutsche Regierung zwar seit Mitte der dreißiger Jahre stark aufrüstete, dass aber drei Jahre, seitdem man sich militärisch von Versailles befreit hatte, einfach nicht ausreichten, um zu einem militärischen Machtfaktor zu werden. Was die tschechischen Absichten betraf, so ist es wohl schwierig zu sagen, wohin sie gingen. Es ist möglich, dass sie in erster Linie der Alarmierung Frankreichs und Großbritanniens dienten, von denen man sich Unterstützung gegen die deutschen Ansprüche erwartete. Möglicherweise gab es bei den tschechischen Streitkräften in diesen Tagen auch einen gewissen sowjetischen Einfluss. Dieser resultierte wohl noch aus der in Russland entstandenen Tschechischen Legion, aus der große Teile während des russischen Bürgerkrieges auf Seite der Roten Armee kämpften, doch das ist Spekulation.
Vielleicht noch interessanter ist es, den Einfluss dieser Geschehnisse auf Deutschland zu betrachten. Mit Sicherheit stand die deutsche Öffentlichkeit auf Seiten der Deutschen im Sudetenland, aber dafür einen Krieg riskieren? Wo immer in diesen Zeiten in Deutschland militärisch paradiert wurde, schwelgte die Menge, sowie es eine solche überhaupt gab, im tiefsten Schweigen und hätte den Führer fast zur Verzweiflung gebracht, als er einen Vertrauten hoffnungslos fragte, wie er denn mit einem solchen Volk Kriege führen soll. Aber nicht nur das Volk war aufgeschreckt, ein großer Teil der Wehrmachtsführung, der eigentlich dem Führer wegen der Eliminierung der SA noch dankbar war und sich immer kindisch freute, wenn wieder einmal ein neues Waffenprojekt ohne Federlesens bewilligt wurde, geriet plötzlich in Panik und beschloss im Falle des Scheiterns der Münchner Konferenz den Führer sofort hinter Gitter zu bringen um das Schlimmste, den Krieg, zu verhindern. Seitdem traute Hitler den Generälen nicht mehr. Es ist überliefert, dass er in einem Gespräch, das er in diesen Tagen führte, seinem Gesprächspartner gegenüber äußerte, dass er immer glaubte, der Generalstab sei ein Rudel blutdürstiger Hunde, die man nur bei fester und kürzester Leine halten dürfe, doch habe ihn die Wirklichkeit belehrt, dass es sich im deutschen Fall eher um zahme Haushündchen handle. Was wohl, wenn auch in einem anderen Sinn tatsächlich zutreffen mag. Der 1944 hingerichtete Widerständler Ulrich von Hassel hielt wohl wenig von den Generälen, die er aus einem nicht näher erläuterten Grund die Josephs nannte. Es war dies das erste und einzige Mal in der NS-Zeit, dass die Wehrmachtsführung Bereitschaft zeigte, in die politische Führung einzugreifen. Auch von Hassel steckte die Furcht vor einem zweiten Krieg tief in den Knochen, denn er fürchtete, er würde für Deutschland schrecklich enden. Seine Befürchtungen wurden dann von der Wirklichkeit sieben Jahre später noch bei Weitem in den Schatten gestellt. Aber zunächst einmal kam alles irgendwie völlig anders. Herr Chamberlain kam nach München, nachdem er seine Flugangst heroisch überwunden hatte, der französische Ministerpräsident war zugegen und natürlich auch Mussolini, der zeigen wollte, dass sein Platz an der Seite der Großen war. Nach der Konferenz war Versailles dann endgültig tot, das Sudetenland in Deutschland und der Friede für elf Monate gerettet.

 

Kristallnacht

Das zweite elementare Ereignis fand am 9. November statt, jenem Datum im fortgeschrittenen Jahr, das für die jüngere deutsche Geschichte Schicksalhaftigkeit reklamiert, falls es so etwas geben sollte. Was war passiert? Der junge Jude Herschel Grynszpan, der mit seiner Familie Opfer der antisemitischen Maßnahmen des Dritten Reichs wurde, sann auf einen individuellen Racheakt, den er auch prompt durchführte. Ihm zum Opfer fiel der deutsche Botschaftsangestellte Ernst Eduard vom Rath, der durch mehrere von Grynszpan abgefeuerte Schüsse tödlich verletzt wurde. Aus irgendeinem Grunde war es Grynszpan nicht gelungen zum amtierenden Botschafter vorzudringen und diesen ins Visier zu nehmen. Was nun folgte war die Entfesselung des Volkszorns gegen diesen barbarischen Akt. Da man aber kein volles Vertrauen in die völkische Spontanität setzte, hielt man es für angebracht, dem Fanal durch einige der Regierung zur Verfügung stehende Mittel auf die Sprünge zu helfen. Man dachte da zunächst an die SA, die ja seit der Nacht der langen Messer außer dem Sammeln von Spendengeldern nichts Rechtes mehr zu tun gehabt hatte und jetzt doch endlich mal wieder zeigen sollte, warum sie immer noch mit so viel Geld aufgeblasen wurde. Und dann natürlich vor allem an die Jugend, bei der ja in Schule wie HJ der antisemitischen Indoktrinierung in den Lehrplänen höchster Stellenwert eingeräumt wurde. Mit SA und Hitlerjugend konnte man also fest rechnen und dem Führer sei Dank half das Telefon die bald folgenden Vorgänge generalstabsmäßig zu instruieren. Polizei und Feuerwehr mussten natürlich auch informiert werden. Erstere, damit es nicht zu unerwünschten Vorfällen kam und alles unter Kontrolle blieb oder zumindest unter dem, was man dafürhielt. Und letztere, weil dem Feuer ja ein hoch dramatischer Auftritt bestimmt war, dass zumindest dort eingegriffen wurde wo zu brennen anfing, was gar nicht brennen sollte. Es traten dann aber doch beträchtliche Kollateralschäden auf, so dass derjenige, der mit der Einhaltung beschlossener volkswirtschaftlicher Pläne beauftragt war, Hermann Göring, beinahe aus seiner Phantasieuniform gefahren wäre in Anbetracht des Umstandes, wie wenig seinem volkswirtschaftlichen Sparsamkeitsethos Folge geleistet wird. Man sieht also, dass dem Ganzen wohl kein einheitlicher Plan zugrunde lag, sondern eher der Entschluss einzelner, aber wichtiger, Führungskader auf der antisemitischen Skala wieder einmal deutlich punkten zu können. Es war so eine Art nationalsozialistischer Wettbewerb zwischen Göring und Goebbels mit Hitler als Schiedsrichter. Für den Schaden wurden dann die Opfer zur Kasse gebeten. Es wurde eine sogenannte Judenbuße in Höhe von einer Milliarde Reichsmark verhängt. In dieser Nacht brannten in den deutschen Großstädten die Synagogen. Es gab über 60 Tote, Hunderte von Verletzten und Tausende von Verhafteten. Die Getöteten und Verwundeten, wie Polizeiberichte und Medien lapidar berichteten, waren Juden. Der größte Teil der Verhafteten auch, die durch die der Inhaftierung folgenden Begleitumstände ausreisewillig gemacht werden sollten. Wie immer ziehen Vorgänge, die dramatisch sind und die gewohnte Behäbigkeit der Alltagserfahrung mit Gewalt durchbrechen, den sensationsgeilen Zuschauer an wie die Mülldeponie Krähen und Möwen. Es mag dies einer der Gründe sein, dass den Vorgängen auch vielerorts Beifall gespendet wurde und nicht alle in beschämtem Schweigen verharrten. Auch etwas Furcht vor dem Regime mag im Spiel gewesen sein. Zu offenem Protest ist es nirgends gekommen. Der 9. November entstand natürlich nicht aus dem Nichts. Der ganze Zeitverlauf zwischen 1933 und jenem Datum war ja überfüllt mit antisemitischen Maßnahmen. Es begann mit dem Boykott jüdischer Geschäfte als Antwort auf die antideutschen Maßnahmen jüdischer Verbände in den USA, setzte sich fort über die systematische Eliminierung der Juden aus dem öffentlichen Dienst, dem Gesundheits- und dem Rechtswesen. Und immer weitere Verordnungen oft kleinlichster Art folgten, bis hin zu solchen, die Juden die Kleintierhaltung untersagten. Ganz allmählich wurde der bürgerliche Tod des jüdischen Bevölkerungsteils in Rechtsform gegossen. Dennoch existierte bis jetzt eine Grundhaltung unter den Juden, dass die Nazis zwar eine unangenehme, aber eine vorübergehende Krankheit darstellten. Sie würden aber selbst ihren ärgsten Feinden nichts antun, dass deren physische Existenz infrage stellte. Der 9. November zeigte nun in aller hässlichen Deutlichkeit, dass dem fortan nicht mehr so war. Ernst Fraenkel würde sicher einräumen, dass, in dem was sich jetzt offenbarte, sein Doppelstaat in voller Aktion in Erscheinung trat. Jener Staat, der auf der einen Seite perfekt funktionierte, dessen Vorgänge auf Normen und Gesetzen basierten, die sich bewährt hatten und bei Überalterung auch der Modernisierung unterworfen wurden. Auf der anderen Seite zeigte sich die Ausnahme, wo das Gesetz nicht zählte und alles der Macht, dem Willen und dem Erfolg unterworfen war. Wenn das Dritte Reich noch heute eine, wenn auch schreckliche, Faszination ausstrahlt, so ausschließlich der Ausnahme wegen. Wenn man auch nicht sagen kann, dass mit dem 9. November der Holocaust in Aktion tritt so wird zumindest die Grenzlinie zum mörderischen Terror durchschritten. Der 9. November, die Kristallnacht, war ohne Zweifel ein Pogrom. In den letzten Jahren mehren sich nun die Stimmen derjenigen, die sagen, der Begriff Kristallnacht sei ein Euphemismus der Ereignisse, denn es seien ja nicht nur die Leuchter der Synagogen zerbrochen, sondern Leben vernichtet worden. Sie sprechen deshalb lieber von einer Pogromnacht. Das ist gewiss nicht falsch. Doch wird dadurch der Eindruck hervorgerufen, dass die Monstrosität eines Ereignisses nicht seiner Wirklichkeit, sondern seiner begrifflichen Gestaltung zuzuordnen ist. Jedenfalls konnte seit der Kristallnacht kein Zweifel mehr darüber bestehen, dass der nationalsozialistische Antisemitismus einen mörderischen Charakter angenommen hatte.

 

Über die Juden, Antisemitismus, die politische Rechte und die Konservative Revolution

Es kann auch kein Zweifel darüber bestehen, dass auch ältere Erscheinungsformen des Antisemitismus mörderische Züge aufwiesen. Ferner ist der Antisemitismus kein Produkt der Neuzeit, sondern eher eine ständige Begleiterscheinung der jüdischen Diaspora. Der Antisemitismus verdankt seine Energien vermutlich mehreren Gründen. Die Juden bildeten immer eine kulturelle Identität, die nicht nur religiösen Charakter trägt, die aber fast völlig innenbestimmt war. Im Gegensatz zum Christentum oder dem Islam verfolgte der Judaismus keine missionarischen oder hegemonialen Ziele. Ferner zählten die Juden bei den Völkern, unter denen sie lebten, in vielen Fällen zu den erfolgreichen Gruppen. Das betrifft die Händler und die Geldverleiher des Mittelalters, obgleich letztere Aktivitäten vielfach aufgezwungen waren. Es betrifft auch die Rolle der Bankiers beim Umbruch des Merkantilismus zum industriellen Kapitalismus und den Anteil, den sie an der deutschen und osteuropäischen Intelligenz gehabt haben und im 20. Jahrhundert auch in der nordamerikanischen Medienwelt.
Ferner wurden die Wissenschaft, die Kunst, die Musik und auch das Schach von vielen jüdischen Koryphäen in der Neuzeit stark geprägt. Auch die Zahl der jüdischen Nobelpreisträger ist beträchtlich. Dies Phänomen hat sehr wenig mit besonderen genetischen Bedingungen zu tun, wohl aber viel mit der Rolle, die die Schrift in der Entwicklung der jüdischen Kultur spielte. Die Hervorbringung der Schrift kann man mit etwas Phantasie wohl als erste wissenschaftliche Revolution betrachten, die Information speicher- und transportfähig und somit vermittelbar machte. Damit war die Schrift dem vorwissenschaftlichen Herrschaftswissen in ihrer Effizienz unvergleichbar überlegen. Aus religiösen Motiven spielte die Schrift in Form der Bibel eine hervorragende Rolle bei den Juden und ihre Auslegung war nicht nur Angelegenheit eines kleinen inneren esoterischen Zirkels. Dies wiederum ermöglichte den Juden eine beachtliche soziale Mobilität, sofern die sozialen Schranken der Länder, in denen sie lebten, das nicht verhinderten. Während im normalen sozialen Aufstiegsprozess bei aller Mobilität die Reproduktion der Eliten eher selbstverständlich ist, ist es bei den Juden, sagen wir, nicht ungewöhnlich, dass ein Kind aus einfachsten elterlichen Bedingungen stammend, sich zu einer Koryphäe auf einem auch entlegen erscheinenden Gebiet entwickelt.
Der amerikanische Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer hat das zum Thema einiger seiner Geschichten gemacht, die in den städtischen Judenghettos Osteuropas beginnen und auf beschriebene Weise in den USA enden. Natürlich rief dieser Tatbestand auch immer Neider hervor und auf der anderen Seite jüdische Netzwerke, um die eigenen Interessen schützen zu können. Problematisch wurde die jüdische Situation immer dann, wenn die Bedingungen der Länder, in denen die Juden lebten, aufgrund innerer oder äußerer Schocks in eine Krise gerieten. Das betraf die Pest in Mitteleuropa, später jüdische Textilproduzenten auf der iberischen Halbinsel, den dreißigjährigen Krieg, die gescheiterte 48er Revolution in Deutschland, die Gründerkrise, den Ersten Weltkrieg und die Anfangsjahre der Weimarer Republik, den Jahrhundertanfang in Russland und bestimmte Zeiten in der Sowjetunion, um nur einige Beispiele zu nennen. Juden eigneten sich als Blitzableiter ausgezeichnet und wurden großzügig von der jeweils herrschenden Politik als Opfer eingesetzt. Hinzu kamen, was besonders Deutschland betrifft, die Verteilung prominenter jüdischer Familien, wie beispielsweise der Warburgs, auf mehrere Länder, so dass die nationale Loyalität bezweifelt wurde.
Natürlich gerieten auch andere Gruppen, wenn auch aus anderen Gründen, in die Rolle als Opfer während historischer Konflikte. Das soll an einem Beispiel aus Deutschland erläutert werden. Kurz nach der Reichsgründung geriet Bismarck in heftigen Streit mit der katholischen Kirche. Es ging ihm darum, den Einfluss der Kirche auf verschiedene Institutionen in der Gesellschaft wie Ehe und Familie auszuschalten und sie in das Monopol des Staates einzugliedern. Und außerdem war er ja Politiker und wollte den Liberalismus, den er ja mit seiner preußischen Innenpolitik aufs Trockene gesetzt, getreten und verbittert hatte, zumindest perspektivisch wieder an den Tisch holen können. Zum Opfer wurde die katholische Kirche und vor allem deren Priester, die jetzt in einen Schock zwischen zwei Autoritäten gerieten. Viele katholische Geistliche wurden auch ins Gefängnis geworfen. Die Haftbedingungen jener Zeit, vor allem Festungshaft, bedrohten allerdings weder Leib noch Seele. Aber Bismarck mobilisierte auch die Presse und in deren Veröffentlichungen erschienen Karikaturen, deren Abgeschmacktheit, Menschenverachtung und Scheußlichkeit keinen Vergleich mit den Karikaturen der Nazis über die Juden scheuen musste. Aber nicht nur, dass Bismarck kein Hitler war, sondern die katholische Kirche auch keine kleine Minderheit, bildete den Unterschied.
Die Weimarer Zeit zeichnete sich ebenfalls durch einen vitalen Antisemitismus mit vielfach mörderischen Facetten aus. Walther Rathenau, einer der frühen Außenminister der Weimarer Republik, fiel einem geplanten Mordanschlag zum Opfer. Die politische Rechte hatte für ihn einen Song komponiert, der zu dem Ereignis direkt aufforderte. Er begann mit dem Vers: der Rathenau der Walter erreicht kein hohes Alter und endete mit Mordaufruf und Verhöhnung. Also eindeutig mörderischer Antisemitismus. Was war nun Rathenau für ein Mensch? Er war Sohn des AEG-Gründers und die AEG war zu der Zeit, mehr noch als Siemens, Elektrische Heiligkeit. Er besaß viele Fähigkeiten, veröffentlichte einiges und gefiel sich zeitlebens in der Rolle des Machers, die er nach Meinung aller möglichen Zeitgenossen, die ansonsten relativ wenig miteinander zu tun hatten, immer mit Bravour ausfüllte. Er pflegte Wilhelm den Zweiten zweimal jährlich zu besuchen, konkurrierte mit diesem erbittert über den Umfang des jeweiligen herrschaftlichen Wohnsitzes, war die Seele des Waffen- und Munitionsbeschaffungsamtes, also der Zitadelle der deutschen Kriegsführung im Ersten Weltkrieg und später Reichsaußenminister der Weimarer Republik. Lenin pflegte den Sowjets während der Umbruchsphase in Russland einzuhämmern: macht, was die WuMBA macht! Und das ein Stück weitergedacht hieß dann: Kommunismus = Sowjetmacht und Elektrifizierung. Ganz anderes vermochte wiederum Albert Einstein in Rathenau zu erblicken. Er vermerkte einmal einem Gesprächspartner gegenüber, dass, wenn aus irgendeinem unerklärlichen Grund, die Umstände Rathenau auf den Thron des Heiligen Vaters riefen, er diese Funktion, zumindest was die technischen Aspekte beträfe, mit Auszeichnung erfüllen würde. Was man zu der Umbruchsphase der Endzeit des Ersten Weltkrieges und der Anfangsphase der Weimarer Republik sagen kann, ist, dass sie auf deutscher Seite eine Niederlage darstellte.
Eine Niederlage ist von anderer Farbe, anderem Aroma und vor allem anderer Dynamik als ein Sieg. Die Suche nach den Vätern des Sieges ist immer eine der mit größter Erbitterung bestrittenen Wettbewerbe in unserer Welt. Hingegen drängt sich niemand um die Vaterschaft der Niederlage. Stattdessen wird die Suche nach dem Schuldigen umso intensiver betrieben. In jedem Fall garantiert der Sieg eine große Beständigkeit, denn er stellt ja unter Beweis, dass die ihm zugrunde liegende Wirklichkeit sich zurecht in der Praxis bewährt hat. Und wenn sich auf der Straße, die zum Sieg führte, auch schadhafte Stellen gezeigt haben sollten, so können diese mit großer Ruhe ausgebessert werden und um die Reparaturpläne wird wohl selten ein unheilvoller Streit entstehen. Und sollte selbst im Sieg einmal Missmut entstehen, so kann man dem durch entsprechende Leckerlies schnell Herr werden. Wie anders sieht das in der Niederlage aus. Da verhärtet sich die Sprache, da wird der innere Feind entlarvt, bekämpft und am liebsten vernichtet. Vor allem schafft die Niederlage keine dominante, sondern konkurrierende Perzeptionen der Ereignisse, die sich zueinander meist inkommensurabel verhalten. Da gab es diejenigen, die das Reich bewahren wollten. Es gab die »Parlamentaristen« und jene, die Revolution wollten. Jedenfalls ist es wohl zu einfach zu sagen: hier stand der autoritäre Nationalstaat gegen die Demokratie und leider hat sich jener aus Mangel an demokratischem Geist durchgesetzt und in die Katastrophe geführt.
Wenn wir nun wieder Rathenaus Biografie betrachten, so war dieser mit Sicherheit ein Mann des Reichs, wenn auch mit einer späteren Öffnung zur Demokratie. Ein Pazifist, wie seine Erörterungen zur Levée en masse verraten, war er wohl nicht. Hier analysierte er ziemlich nüchtern den Übergang von den Kabinettskriegen zu den Völkerkriegen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. Als er nach der Niederlage gegenüber den Forderungen der Entente-Mächte zum Erfüllungspolitiker mutierte, zog er sich den bedingungslosen Hass sowohl der traditionellen reaktionären politischen Rechten wie auch der neuen Frontkämpfersozialisten zu. Auf der anderen Seite wusste aber auch die Rechte keine gangbare Alternative zu Rathenaus praktischen Schritten zu formulieren, da Deutschland über keinerlei Gegenmacht verfügte, massive Interventionen, Sanktionen oder gar eine Besetzung zu verhindern. Die staatliche Einheit des verbliebenen Reichsgebietes war zudem durch eine Vielzahl äußerer und interner Faktoren infrage gestellt. Die verheerenden Folgen des Ruhrkampfes nur wenige Jahre später stellten das anschaulich unter Beweis. Vermutlich bestand für eine realistische Alternative zu Rathenaus Politik wenig Spielraum. Aber die Überbringer schlechter Nachrichten genießen beim Publikum wenig Gunst. Jedenfalls schmetterte das Trommelstakkato des antisemitischen Teils der politischen Rechten ständig mörderische Dissonanzen. Ob diese allerdings zum Mord an Rathenau führten, kann zumindest mit einem Fragezeichen versehen werden. Jedenfalls behauptete das der spätere Schriftsteller Ernst von Salomon, der die Attentäter nicht nur gut kannte, sondern sich auch als Logistiker an der Vorbereitung des Anschlags beteiligte, wofür er angeklagt, verurteilt und verknastet wurde. So behauptete Salomon, dass der Hauptattentäter Erwin Kern den Mord trotz des antisemitischen Gegröles ausführte, da er ja den nationalen Verräter und nicht den Juden treffen wollte und auch kein falsches Signal zu geben beabsichtigte. Und da Salomon dies nicht erst 1949 im »Fragebogen« schrieb, wo man ihm »Persilwäscherei« hätte unterstellen können, sondern bereits 1930 nach seiner Haftentlassung in den »Geächteten« klingt das glaubwürdig. Ähnliches schrieb auch der schottisch, amerikanische Historiker Gordon Craig in »die Deutschen«, führt aber keine Quellen an. Und auch Gabriele Krüger, die im Auftrag der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg 1971 die Brigade Ehrhardt analysierte, schien sich in dieser Frage nicht sicher zu sein. Die Attentäter aber konnten nicht mehr befragt werden, da sie auf der Flucht erschossen wurden.
Wenn wir aber hier schon von Salomon sprechen, dann sollten wir auch einige andere Mitglieder des »böse Bubenclubs« erwähnen, die als anerkannte Feinde des politischen Westens auch heute noch ihre späten Tage im Giftschrank der Anrüchigkeit verbringen. Hier begegnen uns der Privatgelehrte Oswald Spengler, der schon 1921 das Abendland untergehen lässt, der Revolutionär Ernst Niekisch, der das revolutionäre Subjekt des Marxismus »den Lohnarbeiter« auf die Kolonie oder den ausgeplünderten Nationalstaat übertrug und somit Frantz Fanon und der dritten Welt-Ideologie Jahrzehnte vorauseilte. Dann natürlich der politische Philosoph Carl Schmitt und Martin Heidegger, die ihre durch die Fehltritte im Dritten Reich verursachte spätere Arbeitslosigkeit durch eine durchaus spannend zu lesende Korrespondenz kompensierten. Desgleichen der bündische Preuße Hans-Joachim Schoeps, der preußische Sozialist Werner Sombart, Edgar Jung und der Historiker Hans Rothfels sowie Ernst Jünger neben vielen anderen. Die Grundeinstellung, die den Strömungen der sogenannten Konservativen Revolution zugrunde lag, basierte auf der Annahme, dass sowohl der Liberalismus wie auch der proletarische Sozialismus als Organisationsmodelle des Sozialen Schiffbruch erlitten hätten und die Lösung in einem dritten Reich bestünde, in welchem die politischen Parteien nicht mehr existierten und ihre zersetzenden und zerstörenden Prozesse einer funktionierenden Volksgemeinschaft und reichswahrender staatlicher Intervention gewichen wären. Alle diese Strömungen waren republikfeindlich, antiparlamentarisch und großteils auch antisemitisch. Die NSDAP konnte man ihnen zurechnen. Doch waren keineswegs alle antisemitisch und Antisemitismus gab es in der Politik auch außerhalb dieser Bewegungen. Heute mag diese Ideenwelt als abwegig, skurril und das NS-Regime vorbereitend betrachtet werden. Solcherlei Anfängen gegenüber kann man sich bekanntlich nie früh genug erwehren, wie dessen Gegner mit wachsendem zeitlichen Abstand zu jenen Tagen nicht nur immer mehr, sondern auch immer mutiger werden. Irgendwie muss hinter jenem Satz, den Alexander Sinowjew in seiner beißenden Satire »Lichte Zukunft« über die Sowjetunion der 70er Jahre geschrieben hat, dass deren Regierungen als größtes Problem ständig erachtet hätten, die Vergangenheit korrekt vorhersagen zu können, so viel Wahrheit stecken, dass sich auch andere damit herumplagen müssen. Aber die Dynamik des Nationalsozialismus ist wohl kaum aus den Reflexionen Oswald Spenglers entstanden. Bei aller Sympathie für die westliche Demokratie: sie war in den 20er und 30er Jahren weder der Normalfall in der Welt noch wurde ihr eine lichte Zukunft vorausgesagt. Der Amerikaner James Burnham hatte 1941 ein in heutigen Tagen fast vergessenes Buch geschrieben, mit dem Titel: »The Managerial Revolution«. Burnham setzte sich in dem Buch damit auseinander, was seiner Meinung nach in jenen Tagen passierte, wo auf der einen Seite Liberalismus und freier Wettbewerb um jeden Preis und auf der anderen Seite die Sowjetunion als höchster Ausdruck sozialistischer Demokratie jeden Tag mehr in die Pleite schlitterten und durch staatliche Intervention ersetzt wurden, wo nicht das Volk, sondern die Technokraten das Sagen hatten. All das zeigt, dass der Ort der Demokratie in jenen Tagen auf der Welt verdammt klein war.

 

1939

Aber verlassen wir wieder die Gefilde der Weimarer Zeit, den dort herrschenden Antisemitismus und die zwei Schlüsselereignisse von 1938: Münchner Konferenz und Kristallnacht und wenden wir uns dem Pandora-Jahr 1939 zu. Wenn man dem damaligen sowjetischen Botschafter Iwan Maiski in Großbritannien Glauben schenken will, war der Beginn jenes Jahres, jedenfalls, seitdem Hitler die sogenannte Resttschechei unter seine anrüchigen Fittiche genommen hatte und damit auch bei Slowaken und Polen helle Begeisterung auslöste, von den unermüdlichen Bestrebungen der Sowjetmacht geprägt, den Frieden in Europa zu wahren und das Monstrum Faschismus nicht aus der Hölle ausbrechen zu lassen. Doch wie nun einmal die Dinge im nichtsozialistischen Elend lagen, scheiterten alle Anstrengungen der Sowjetunion und der mit ihr verbündeten europäischen Arbeiterklassen an den infamen Machenschaften der in Westeuropa herrschenden Ausbeuterklassen, die selbstredend die Tschechen und vor allem deren Arbeiterklasse erbarmungslos opferten. Das kann man natürlich so glauben, muss es aber nicht.
Jetzt ist es an der Zeit, einige Spekulationen über die Absichten Hitlers auf dieser Höhe der Ereignisse anzustellen. Die meisten Historiker sind sich einig in der Ansicht, dass Hitler mit der Besetzung Prags das Fahrwasser der revisionistischen Politik, worin ja faktisch alle politischen Parteien der Weimarer Zeit übereinstimmten, verlassen hatte. Aber was sollte jetzt kommen? Was waren seine Pläne und Absichten, seine Visionen? Seine zwei Bücher und sonstigen Äußerungen, soweit diese überhaupt authentisch sind, geben nur mangelhafte und widersprüchliche Auskünfte und münden in keinem umfassenden Modell. Sowas ist zwar versucht worden, unter anderem von dem deutschen Historiker Andreas Hillgruber, der das Scheitern Deutschlands als Großmacht in der Hitlerschen Hybris ansiedelt, die Welt in einem von ihm unterstellten detaillierten 5-Stufen Plan erobern zu wollen. Das ist übrigens später von Ralph Giordano aufgenommen und weiter entfaltet worden. Doch ist das Ganze wohl mehr der Stoff, aus dem historische Romane gestrickt werden. Zwar hätte Hitler ein solches Angebot, falls es ihm jemals von der Geschichte angeboten worden wäre, auch ohne Zögern und ohne jeden Einwand freudig angenommen. Aber wäre Hitler in seinem Schalten und Walten nur Phantasmen nachgejagt, wäre sein Erbe wohl weniger schrecklich geworden. Was Hitler avisierte, war wohl eher ein geschlossener europäischer Raum, der weder auf Kleinstaaterei noch auf den Prinzipien des Nationalstaates basierte, sondern auf rigider rassischer Selektion, die seiner Auffassung zufolge die Vitalität des zu errichtenden staatlichen Systems garantieren sollte. Wer diese Kriterien nicht erfüllte, war bestenfalls zu instrumentalisieren und falls erforderlich, auszurotten. Die Entscheidung, wer oberhalb der Erde wandeln durfte, war Angelegenheit des Staates. Wettkampf der Meinungen war Ausdruck der Dekadenz und der Rebellion des Geistes wider die Natur. Führung aber war das Resultat der Auslese im Kampf ums Dasein. So wurden natürliche Eliten geboren. Gott wurde endgültig aufs Altenteil gesetzt und durch selbige ersetzt. Eines aber ist klar. Hitler hatte den Rubikon überschritten und mobilisierte damit einen Widerstand, der, wenn er sich einmal materialisieren sollte, nicht nur zum Ende Deutschlands als Großmacht, sondern auch als politischer Akteur und Nationalstaat führen würde. Darin hatte Ulrich von Hassel zweifelsfrei Recht.
Aber so weit ist es jetzt im Frühjahr 1939 noch längst nicht. Viele Tschechen, wenn auch nicht alle, ballen jedenfalls die Fäuste. Doch findet das vorwiegend in den Hosentaschen statt. Hitler sackt erst einmal die Skoda Werke ein, was ja für den Krieg schon was ist und außerdem gehörten Böhmen und Mähren ja immer zum Reich. Aber diese Aktion zeitigte auch ihre Kosten, denn auf einmal gehörte der Führer, und das nicht nur bei den Vertretern der Arbeiterbewegung, zu jenen Leuten, über die der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker einmal sinngemäß sagte: »zu denen geht man nicht«. Und auf das schöne Frühjahr folgte dann ein Sommer, der unter gleichen meteorologischen Bedingungen heutzutage die Klimaretter in den nackten Wahnsinn getrieben hätte. Das Grummeln des Gewitters war jedenfalls unüberhörbar, wenn der Blitz auch einige kuriose Wege gehen sollte. Zuerst einmal war Polen dran. Dabei erfreuten die Polen in Deutschland sich nicht gerade überschäumender Sympathie, da sie ja zumindest in den 20er Jahren mehr Täter als Opfer waren. Und dann war Danzig, das konnte man nun wirklich drehen, winden und strecken, wie man wollte, nun wirklich eine deutsche Stadt, wo auch kaum mehr als 1000 Leute überhaupt polnisch sprachen, was ja auch der Schweizer Völkerbundkommissar Carl Jacob Burckhardt zugeben musste, der fürwahr kein Freund des Dritten Reiches war. Der Freistaat Danzig wurde von der Entente ins Leben gesetzt, einmal um die Weimarer Republik zu schwächen und zu piesacken und zusätzlich Briten und Franzosen einen indirekten Einfluss auf die Vorgänge im Osten Europas zu geben. Hitler war ja 1934 den Polen viel weiter entgegengekommen, als dies je ein »Systempolitiker« der Weimarer Zeiten, Gustav Stresemann eingeschlossen, gewagt hätte. Daneben hielt Hitler große Stücke auf den verstorbenen polnischen Staatspräsidenten Józef Piłsudski. Die Polen hätten gut und gern so etwas wie Juniorpartner bei Hitlers europäischem Umbau werden können so wie Slowaken, Ungarn, Kroaten und Rumänen. Aber sie wollten nun einmal nicht und da zeigte der Führer, dass er auch anders konnte. Die Polen zeigten seinerzeit wenig Enthusiasmus, sowjetische Truppen ins Land zu lassen. Hatte man doch den Sowjets dank des von Briten und Franzosen ermöglichten Wunders an der Weichsel beträchtliche Teile der Ukraine und Weißrusslands entrissen, in denen die polnischen Bevölkerungsteile Minorität waren. Ein auch heutzutage noch recht tabuisierter Fakt, weil damit die Westverschiebung Polens nicht einfach der sowjetischen Landgier anzulasten ist. Aber wie gesagt, die Polen wollten einfach nicht und Briten und Franzosen untermauerten dem Führer zum Trotz ihre Garantie für ihren Protegen. Da war Hitler natürlich im Dilemma, denn schließlich hatte man mit Verve 6 Jahre lang die antikommunistische Trommel geschlagen. Wenn aber Strategie und Taktik partout nicht so wollen wie man selbst, dann eben her mit der entgegengesetzten Politik.
Nach Lage der Dinge musste man eben mit Josef Stalin Kippe machen und der sah das kein bisschen anders. Die Welt aber staunte. Vielleicht kamen dem Führer im letzten Augenblick auch Bedenken wegen dieser nicht allseits verstandenen und in letzter Instanz ihm selbst vielleicht suspekten Flexibilität. Also erst einmal den Angriff stoppen und sehen, ob die Polen nicht in letzter Sekunde doch noch zur Vernunft kommen. Man muss zugeben: die Situation war eigenartig. Hitlers Forderungen im Prinzip mäßig und vernünftig: Danzig definitiv zu Deutschland, für Polen aber Freihafen in Danzig, dessen Größe nach Wunsch, so dass es neben Gdingen nicht nur über einen zweiten Hafen, sondern auch über einen direkten Zugang zur Weichsel verfügte. Ferner exterritoriale Straßen und eine Eisenbahnverbindung zwischen Pommern und Westpreußen, was ebenfalls Sinn machte, da der Seeweg zwischen dem Reich und Ostpreußen in strengen Eiswintern problematisch war. Und bei allen Garantien hatte man schließlich die Deutschen und die Russen im Nacken, während die Franzosen und Briten mehr als 1000 Kilometer weit weg waren. Aber die Polen blieben stolz und stur. Laut anderen Stimmen wiederum hatte sich die polnische Regierung einfach in ihr Schneckenhaus zurückgezogen in Anbetracht eines Automatismus der bösen Dinge, auf die sie keinerlei Einfluss ausüben konnte. Auf eine andere Lesart werden wir etwas später eingehen. Mit dem Ausbruch der Feindseligkeiten hatte Hitler nun eine Grenze überschritten, die ihn in der Folgezeit vor ein unlösbares Problem stellte. Er konnte viele Kriege beginnen und viele Umstände des Losschlagens bestimmen, aber keinen einzigen Krieg liquidieren, keinen Frieden gewinnen und wurde so von einem Akteur, der über das Monopol der Entscheidung verfügte, zu einem Getriebenen, der nur noch auf Ereignisse reagieren konnte. Und das immer unzureichender. Aber Hitler war eben Hitler. Er hätte ja auch Polen einem sich vergrößernden politischen Druck unterwerfen können und damit vielleicht Danzig und den Korridor ohne Krieg gewonnen.
Außerdem vermied er einen Blick auf die Vorgänge an der anderen Seite des Atlantiks. Dort hatte der nordamerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt bekanntlich die Welt in Gut und Böse eingeteilt und wollte, woran er keinen Zweifel ließ, unter den Schurkenstaaten tüchtig aufräumen. Dies wohl nicht aus rein moralischen Erwägungen, sondern weil er wohl intuitiv fürchtete, dass eine in abgeschlossene Wirtschaftszonen und Kolonialsphären geteilte Welt mit dem Entwicklungspotential des nordamerikanischen Kapitalismus nicht zu vereinbar war. Deshalb sah er es wohl auch als eine Gelegenheit an, Öl ins europäische Feuer zu gießen, die Polen zu aussichtslosem Widerstand aufzustacheln und falls es Krieg geben sollte, zumindest die Briten auf Teufel komm raus im selbigen zu halten. Wenigstens so lange, bis die Isolationisten im Inneren ausgeschaltet waren und die Möglichkeit bestand, die USA direkt in den Krieg zu führen. Jedenfalls behaupten einige Amerikaner solches, wie bspw. Hamilton Fish, der europäische Ursprünge in der polnischen Aristokratie hatte und mehrmals an wichtiger Stelle in die amerikanische Außenpolitik verwickelt war in seinem 1976 erschienenen »Franklin Delano Roosevelt: The other Side of the Coin«. Ähnliche Feststellungen finden sich dann Jahre später in Veröffentlichungen des Mitgründers des US-amerikanischen »The American Conservative«-Magazins, Patrick J. Buchanan. Diese Falle wollte Hitler wohl nicht sehen, sprang aber freudig hinein und beging neben brutalsten Verbrechen auch noch die grandiose Dummheit, als Erster zu schießen.

 

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