Leseproben ausgewählter Bücher

Christoph Kloft Andreas Widmann

Balzar von Flammersfeld

Der schwarze Hauptmann

Aus der dicht wallenden Nebelbank erklang der dumpfe, regelmäßige Schlag einer Trommel. Die getrübte Herbstsonne, die nur wenige Augenblicke zuvor hinter dem Horizont hervorgekommen war, vermochte nicht, den Quell des lauter werdenden Taktes zu bescheinen. Wie aus einem Meer von Nebel emporgestiegen, thronte das altehrwürdige Schloss Westerburg über der kleinen Stadt des gleichen Namens, welche jedoch heute Morgen den Blicken verborgen blieb. Gerade erst selbst dem Nebel entkommen, stand der kleine Junge, er mochte neun oder zehn Sommer gesehen haben, auf dem steilen Weg vor dem Tor der Mauer, hinter welchem der Schlosshof lag. Vom Trommelschlag erschreckt, blickte er hinter sich, den Weg hinunter in den Nebel hinein.
»Tromm! Tromm! Tromm!«
Der Schlag wurde immer lauter, er kam direkt auf ihn zu.
»Place, gamin!« Auch wenn er nur sehr wenig Französisch verstand, der raue Ton des Soldaten, der am Schlosstor Wache hielt, war unmissverständlich. Rasch huschte der Junge zur Seite und kauerte sich in die seichte Böschung links neben dem steinernen Torbogen.
Aus dem Nebel traten, zunächst nur schemenhaft dann schnell deutlicher werdend, zehn französische Soldaten – verhasste Sansculottes! Acht Gewehr an Schulter, ein Sergeant und der Tambour, welcher weiter auf seiner Trommel den Takt vorgab. Sie marschierten strammen Schritts den Weg zum Schlossberg hinan und durch das Tor.
»TROMM! TROMM! TROMM!«
Der Wachsoldat salutierte, bewahrte Haltung und gab diese wieder auf, sobald die Abteilung an ihm vorbei war, um sich mit einer Prise Schnupftabak das für die Jahreszeit und den Westerwald durchaus angemessene Wetter ein wenig erträglicher zu gestalten.
Just diese kurze Zeit nutzte der Bub, um hinter der Abteilung Soldaten durch das Tor zu schlüpfen, sich sogleich nach links zu wenden, die Mauer entlang zu wetzen, bis dorthin, wo sich der Eingang zum östlichen Außenturm befand, und sogleich dort zu verschwinden. Niemand hatte ihn bei seinem kühnen Streich bemerkt. Der Trommelschlag hatte aufgehört, einige Befehle – natürlich auf Französisch – waren gerufen worden und Ruhe legte sich langsam über den Schlosshof. Nach wenigen Augenblicken schoben sich zuerst eine Nase, gefolgt von zwei großen Augen und zuletzt von einem weit aufgerissenen Mund, umrahmt von einem Knabengesicht, hinter der Mauerkante hervor.

Noch lag der Schlosshof friedlich da. Die Soldaten hatten in einem Karree vor der nördlichen Schlossmauer Aufstellung genommen, an welcher ein Sandhügel aufgeschüttet worden war. Die Trikolore – blau, weiß und rot – bewegte sich seicht im Wind. Es war der Morgen des 3. Oktobers im Jahre 1797. Ein durchaus besonderes Datum, fand doch heute ein außergewöhnliches Ereignis statt. Und ebenjenes hatte den Buben in aller Herrgottsfrühe zum Schlosse hinaufgeführt. In der Schule und zu Hause würde es sehr sicher Schläge dafür hageln, aber die kamen halt später. Das hier war um einiges wichtiger. Konnten die Gerüchte denn wahr sein? War er, jener, von dem der Junge dachte, die Franzosen würden ihn niemals in die Hände bekommen, wahrhaftig von ihnen gefasst und verurteilt worden?
Die Turmuhr hatte gerade die achte Stunde verkündet, als das metallene Geräusch eines Riegels, gefolgt von dem Ächzen der Angeln der Türe, welche ins Innere des großen Gebäudes führte, den Jungen aus seinen Gedanken riss. Aus dem Schlosse trat der General Claude Sylvestre Colaud gar selbst mit seinem Gefolge hervor. Ein Trommelwirbel und das unvermeidliche »Vive la République!« der Soldaten hallten über den Hof und die nebelversunkene Stadt weiter unten. Der Junge sah die bunten Uniformen, die wallenden Federn an den dreieckigen Hüten und wünschte sich ihre Träger weg; ganz weit weg! In seinen Ohren rauschte das Blut und er meinte seinen eigenen Herzschlag zu hören.
Der General sprach leise etwas zu seinem Adjutanten, dieser wiederum wendete sich an einen Soldaten, welcher sich dann aufmachte, an eine kleine Pforte zu klopfen und einen kurzen Befehl zu bellen. Fast augenblicklich öffnete sich die Pforte und von zwei Soldaten rechts und links geführt schritt ein Gefangener, gefesselt, jedoch mit erhobenem Haupte, auf den einzig für ihn bereiteten Sandhügel zu, und bestieg ihn zügig. Von dort blickte er auf die Soldaten vor ihm hernieder; mehr wie ein Befehlshaber, denn ein zum Tode Verurteilter. Seine Gestalt war hochgewachsen, und er schien kräftig zu sein. Sein schwarzes Haar umwallte ungezähmt den Kopf und eine Locke fiel ihm ins Gesicht. Eine wahrhaft herkulische Gestalt.
Die Soldaten hatten ihre Gewehre bei Fuß genommen. Aus dem Gefolge trat nun der Schreiber des Kriegsgerichts hervor und verlas mit lauter Stimme das Urteil. Zuerst auf Französisch, danach noch einmal auf Deutsch:
»Andreas Ludwig Balzar, genannt ›Balzar von Flammersfeld‹, da er dort geboren, auch bekannt unter dem Namen ›Le capitaine Noir‹, der nach eigenem Geständnis 21 französische Offiziere im Kampfe tötete, neben zahlreichen weiteren Soldaten der Republik, wurde durch das Kriegsgericht der französischen Armee zu Westerburg für seine Taten zum Tode durch Erschießen verurteilt. Das Urteil wird am heutigen Tage ebenda vollstreckt. Es lebe die Republik!«
Dem Jungen stockte der Atem. Auch wenn diese stolze Gestalt dort vor der Mauer niemand anderes sein konnte als der »Schwarze Hauptmann« selbst, so war es doch etwas anderes, es noch einmal von offiziellem Munde verkündet zu bekommen. Balzar von Flammersfeld, der Held des Westerwaldes, hatte tapfer gegen die französischen Besatzer gekämpft. Und, wenn schon nicht die Herzen aller Westerwälder, so war doch das des Jungen ihm zugeflogen. Immer und immer wieder hatte der Junge sich abends in die Stube geschlichen, wo der Vater und seine Gäste oft von den tollkühnen Taten des Balzar und seiner Bande erzählten, und hatte ihnen mit großen Augen gelauscht. Dann hatte er sich vorgestellt, mit der Bande, an der Seite des »Schwarzen Hauptmanns« selbst, durch die Wälder zu streifen und französischen Soldaten das Fürchten zu lehren. Oft hatte man im Westerwald bereits gedacht, in manchen Fällen vermutlich sogar gehofft, der Andreas Balzar müsse schon von seinen Feinden gefasst worden sein. Aber immer wieder hatte der listige »Capitaine Noir« ihnen entkommen können. »Balzar von Flammersfeld« war für den Buben zu einer Legende geworden. Zu einem mythischen Helden, der seine Widersacher ein ums andere Mal besiegt hatte und für sein Volk, für seinen Westerwald kämpfte. Und jetzt stand dieser Held dort gefesselt vor jenen, welchen er so oft schwere Schläge zugesetzt hatte. Und diese waren nun bereit ihn zu töten. Aber – konnten sie das wirklich? Wo war seine Bande? Wo war der flinke Schmelmhepper? Aus seinem Versteck heraus blickte der Junge sich hektisch nach etwaigen verborgenen Helfern des Balzars um.
Mittlerweile hatte eben jener Balzar von Flammersfeld die ihm dargebotene Augenbinde abgelehnt. Befehle wurden gebrüllt. Aufrecht und mit glühenden Augen blickte er den Soldaten entgegen. Diese hatten nun Aufstellung in einer Reihe genommen und standen vor dem Sandhügel stramm. Bei den nächsten scharfen Befehlen nahmen sie ihre Flinten von den Schultern, präsentierten sie und legten an. Der »Schwarze Hauptmann« hatte nicht einmal mit den Wimpern gezuckt. In seinem Blick lag keine Furcht, nur Verachtung und Trotz. Der Sergeant hatte seinen Säbel gezückt und hielt ihn mit der Rechten hoch über seinem Kopf erhoben.
Acht Soldaten. Acht Gewehre. Acht Läufe waren auf Andreas Balzar gerichtet. Der Sergeant blickte noch einmal zum General. Dieser nickte leicht. Keiner der Gewehrläufe wankte, als der Säbel sich nun mit einem Ruck senkte.

 

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