Leseproben ausgewählter Bücher

 Harald Gesterkamp

»Später. Vielleicht.«

 

Prolog
1935

Das stundenlange Stehen im Geschäft ging ihm immer mehr auf die Knochen. Josef Levy stöhnte auf, streckte sich kurz und begann dann damit, die Fleischtheke aufzuräumen. Es war wieder viel übriggeblieben, denn die Geschäfte liefen nicht mehr so wie früher. Seine Familie würde nicht alle Reste selbst verbrauchen können. Einiges könnte er zwar im Kühlraum lagern, doch ein paar Sachen müsste er vermutlich wegwerfen, wenn sie nicht am nächsten Tag verkauft würden. Die Zeiten waren hart, aber jetzt war Feierabend, und er freute sich auf ein Glas Rotwein.
Sein Rücken tat ihm inzwischen fast jeden Abend weh, vor allem beim Bücken. Die Arbeit wurde nicht weniger. Schon seit zwei Jahren, seitdem die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen, musste Josef nahezu ohne Personal auskommen und führte seine Metzgerei allein mit seiner Frau Ernestine und seinem Gesellen Frank. Es lief mehr schlecht als recht, und er musste regelmäßig auf seine Ersparnisse zurückgreifen.
Aber was sollte er jammern, es würden hoffentlich wieder bessere Zeiten kommen. Die Mehlemer stärkten seinen Optimismus, dass das deutsche Volk in der Lage sein könnte, die gegenwärtige Situation zu überwinden. Nicht alle Mehlemer, aber einige. Denn auch wenn er den einen oder anderen Kunden verloren hatte, gab es Alteingesessene, die weiterhin bei ihm einkauften.
Er schloss die Ladentür ab, räumte die letzten Fleischwaren aus der Auslage und brachte sie in den Kühlraum. Die Würste und Schinken konnten im Verkaufsraum bleiben. Im Kühlraum hingen zwei Rinderhälften von der Decke, endlich ausgeblutet. Schnell wischte Josef noch über den Fliesenboden, schaute nach dem Eimer mit den Knochenresten und entschied, dass es ausreichen würde, diese am nächsten Tag zu entsorgen. Dann zog er seinen Metzgerkittel aus, leerte die Kasse und ging mit dem Geld in die Wohnung über dem Geschäft.
Kurz nachdem er oben angekommen war, hörte er ein lautes Klopfen an der Ladentür. Jetzt noch Kundschaft? Er schob vorsichtig die Gardine zur Seite und sah etwa fünfzehn bis zwanzig Männer in SA-Uniform vor seinem Schaufenster stehen. Was wollten die schon wieder? Er würde jetzt nicht mehr öffnen. Es war schließlich nach 18.30 Uhr.
Die Männer schlugen lauter an die Tür. Josef schnappte nach Luft, versuchte ruhig zu atmen, doch er spürte, wie sich ein panisches Gefühl in seinem Bauch ausbreitete. Er hörte das Gebrüll der Männer, die aggressiv nach dem Juden riefen. Wenn sie so weitermachten, würde die Tür dem Druck von außen nicht standhalten können. Und dann ginge es ihm an den Kragen, befürchtete Josef. Er war heilfroh, dass seine Frau und sein Sohn nicht im Haus waren, sie waren zu den Schwiegereltern gefahren. Er schlich nach unten, verriegelte die Tür zwischen Geschäft und Wohnung und verschwand in der Räucherkammer. Die Rufe von draußen wurden noch lauter, gleichzeitig bearbeiteten die Männer mit ihren Stiefeln immer aggressiver die Tür.
Zitternd zog sich Josef in die hinterste Ecke der Räucherkammer zurück, versteckte sich hinter dem Rinderschinken, der von der Decke hing, ahnend oder zumindest befürchtend, was auf ihn zukommen würde. Vielleicht hatte er Glück, und hier würden sie nicht nach ihm suchen.
Kurz darauf hörte er ein berstendes Geräusch, die Ladentür hatte nachgegeben. Einige Sekunden später ertönten die Stimmen der SA-Männer aus dem Verkaufsraum der Metzgerei. Josef erkannte Otto Eichlers Fistelstimme. Sie gehörte dem früheren Kunden, der jetzt als Sturmführer seinen Leuten Kommandos gab, wo sie zu suchen hatten. Josef drückte sich noch weiter in die Ecke. Sie riefen nach ihm, der Ton war aggressiv. Einige der SA-Leute machten sich offenbar an der Tür zur Treppe nach oben zu schaffen, er hörte ein Splittern und Kratzen, als würde jemand mit einem Stemmeisen die Tür mit Gewalt öffnen. Andere Eindringlinge strömten ins benachbarte Kühlhaus, wo sie offenbar die Regale leerfegten. Gläser klirrten, Teller barsten. Dann hörte Josef Geräusche, die klangen, als würde gekühltes Fleisch auf den Fußboden klatschen.
Und dann betraten sie die Räucherkammer. Alles in ihm zog sich zusammen, gleichzeitig spannte er seine Muskeln an.
Schon bald stand Eichler vor ihm. Unverkennbar mit seinem exakt gezogenen Seitenscheitel und den ausrasierten Kopfseiten, baute er sich in seinem Braunhemd mit Hakenkreuz-Bandage vor ihm auf. Er musste jetzt Anfang oder Mitte Dreißig sein. Die Familie Eichler wohnte nur wenige hundert Meter von der Metzgerei entfernt. Otto hatte als Kind regelmäßig mit seinem inzwischen verstorbenen Vater in der Metzgerei Levy eingekauft, auch danach war er zunächst Kunde geblieben. Jetzt machte er den Wortführer: »Ach, da haben wir den Juden ja«, rief er laut, und die anderen Männer kamen angelaufen. »Du meinst wohl, du könntest uns drohen, was? Du wirst sehen, was du davon hast.«
Josef sah sich um, einige Gesichter kannte er, Kunden waren auch dazwischen und dann sah er Franz, seinen ehemaligen Mitschüler. Sie waren nie Freunde gewesen, aber sie hatten sich immer respektiert. Als Kunde hatte er ihm in schlechten Zeiten auch dann Wurst gegeben, wenn Franz nicht bezahlen konnte. Wir schreiben das an, das war ein Satz, der gerade in der Wirtschaftskrise öfter gefallen war.
»Franz?«, stammelte Josef überrascht. »Was macht ihr denn hier?«
»Deine Zeit ist abgelaufen, Jupp«, meinte Franz nur und fummelte an der Hakenkreuzbinde an seinem Oberarm herum.
»Also«, schrie Eichler wieder. »Mit den Drohungen, das hat jetzt ein Ende, ist das klar?«
Josef verschränkte seine Arme vor der Brust, schaute Eichler direkt ins Gesicht und sagte kein Wort. Seine Angst spürte er nicht mehr. Eichler wich seinem Blick irgendwann aus. »Und wenn nicht?«, fragte Josef. Da holte Eichler ohne jede Vorwarnung aus und verpasste ihm eine Ohrfeige. Josef spürte, wie die Wut in ihm hochstieg. Meinte Eichler wirklich, er könne sich alles erlauben? Er ging auf Eichler zu und stieß ihm gegen die Brust, so dass der SA-Mann ins Stolpern geriet. »Was soll das?«, schrie Josef dabei. Eichler war zuerst überrascht, doch dann fasste er sich und stürzte mit rotem Kopf drohend auf Josef zu und packte ihn am Kragen. Für seine Männer war das ein Zeichen, auf das sie gewartet zu haben schienen. Bevor Josef reagieren konnte, hielten ihn fünf oder sechs Männer fest, traktierten ihn von mehreren Seiten mit Schlägen, stießen ihn zu Boden und traten, selbst als er auf dem Boden lag, weiter auf ihn ein. Franz war einer von ihnen.
»Was wollt ihr?«, stieß Josef hervor, erntete aber als Antwort nur verächtliche Geräusche.
»Wir lassen uns nichts mehr von euch gefallen, ist das klar?«, schrie Eichler mit hoher Stimme. »Aber du wirst schon sehen, dass eure Zeit abgelaufen ist, Levy. Dein Laden wird boykottiert, du kannst zumachen, es wird niemand mehr kommen. Da helfen dir auch deine Drohungen gegen Weininger nicht. Oder, Männer?«
Die anderen SA-Leute lachten kurz auf und traten dann weiter auf Josef ein, der seinen Kopf mit den Händen zu schützen versuchte, aber zunehmend aufhörte, den Schlägen und Tritten auszuweichen. Nach Minuten, als er halb ohnmächtig in der Ecke lag, ließen sie ihn erst einmal liegen. Josef hörte noch ein Geräusch von quietschendem Metall, dann verlor er das Bewusstsein.

 

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